DT116: Der Dunning-Kruger-Effekt im Design Thinking

Dumm ohne es zu merken?!

Auf die eine oder andere Weise bin ich sicher, dass Sie alle mit dem Dunning-Kruger-Effekt vertraut sind. Vielleicht haben Sie davon gehört, unter dem Etikett von selbstbewussten Idioten, dem das Fehlen einer bestimmten Fähigkeit nicht bewusst ist, und stattdessen davon ausgeht, dass er ein Kompetenzniveau hat, das den Experten auf diesem Gebiet sogar überlegen ist.

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Beim Dunning-Kruger-Effekt handelt es sich um eine kognitive Verzerrung: Inkompetente Menschen überschätzen sich, während kompetentere ihre eigenen Fähigkeiten unterschätzen.

Dieser kuriose Effekt wurde von den zwei amerikanischen Wissenschaftlern David Dunning und Justin Kruger von der Universität von Cornell (New York) entdeckt und untersucht. So las Dunning eines Tages in der Zeitung von einem Raub, bei dem der Räuber innerhalb von Stunden gefasst wurde. Er hatte zwei Banken am helllichten Tag ohne Masken überfallen. Was Dunning aber wirklich verdutzte, was die Erklärung des Räubers: Statt einer Maske nutze er lieber Zitronensaft im Gesicht, da er seiner Meinung nach dadurch für die Sicherheitskameras unsichtbar wäre. Er hätte das vorab geprüft, indem er sich Zitronensaft ins Gesicht geschmiert hätte und dann selbst ein Foto von sich gemacht hatte. Und tatsächlich konnte er auf keinem Bild sein Gesicht erkennen. Kein Wunder, er hat auch nicht sein Gesicht, sondern die Zimmerdecke fokussiert...

Obwohl es sich einer gewissen Logik entzieht, ist es sicherlich so, dass das Vertrauen einer Person in sich selbst nicht unbedingt mit objektiven Wissenskenntnis verbunden ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es eine Art erniedrigender Erkenntnis gibt - das Tal der Verzweiflung - bevor der übermäßig selbstbewusste Mensch sein Vertrauen mit dem tatsächlichen Niveau der Weisheit in Einklang bringen kann. Fortan ebnet persönliche Erleuchtung den Weg zu einem realistischen und nachhaltigen Vertrauensniveau.

Je unqualifizierter jemand ist, desto mehr ist er davon überzeugt, sich gut auszukennen. Hochqualifizierte Personen andererseits zweifeln hingegen oft an ihren Fähigkeiten. Die Sicherheit für treffende Urteile und erfolgreiche Entscheidungen sitzt also an der falschen Stelle. So lange Führungskräfte das im jeweiligen Fall erkennen, ist das kein Problem. Dann werden sie Laien ihre Grenzen aufzeigen und echte Profis ans Werk lassen. Erkennen sie das nicht, übernehmen viel zu selbstsichere Laien das Ruder, während zweifelnde Profis außen vor bleiben. Damit sind Misserfolge programmiert.

Dunning und Kruger betonen in ihrer Arbeit, dass jene Fähigkeiten, die man für eine richtige Lösung braucht, dieselben sind, die man braucht, um zu erkennen, ob eine Lösung richtig bzw. falsch ist. Deshalb erkennen Inkompetente nicht, dass sie inkompetent sind. Man muss ein echter Profi sein, um passende von unpassenden Erklärungen/Lösungen unterscheiden zu können. Dunning und Kruger konnten mit ihren Experimenten zudem nachweisen, dass ausgeprägte Laien auch stark dazu neigen, die Qualifikation echter Experten deutlich zu unterschätzen.

Aber dieser Effekt ist nicht nur in der persönlichen Einschätzung der Fähigkeiten, sondern auch in Sachen Innovation zu finden: Denn wir neigen dazu, die Auswirkungen einer Technologie auf kurze Sicht zu überschätzen und unterschätzen den Effekt auf lange Sicht.

Das bringt das "Wir", d.h. das Kollektiv, mit sich. Und es bringt eine Zeitdimension mit sich. Denn Wissen entsteht erst im Laufe der Zeit. Das angesprochene Kollektiv besteht aus Menschen, die unterschiedliches Wissen mit sich bringen.

Natürlich sollte dies eine Komponente der Innovationskompetenz sein. Wir müssen lernen, die Abweichung zwischen erwarteten Auswirkungen von Technologien und der Realität der technologischen Auswirkungen zu verstehen - und vielleicht sogar vorherzusehen.
Jeder ist in gewisser Weise ein Experte, aber er ist auch ungebildet in vielen anderen Dingen. Wir müssen lernen, in den Spiegel zu schauen und dabei der Versuchung zu widerstehen, die eigene Weisheit zu überschätzen.

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