DT108: Das Leid mit den angeblichen Experten

Wie Sie wirklich zum Experten werden

Die Reise zu wirklichem Können ist weder etwas für schwache Nerven noch für Ungeduldige. Die Entwicklung von echtem Fachwissen erfordert Ausdauer, Opferbereitschaft und ehrliche, oft schmerzhafte Selbsteinschätzung. Es gibt keine Abkürzungen.

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Vor dreißig Jahren entschieden sich zwei ungarische Pädagogen, László und Klara Polgár, der populären Annahme zu widersprechen, dass Frauen in Sachen räumlichen Denken wie Schach nicht erfolgreich sein können. Letztlich ging es den Polgárs darum, auf die Macht der Bildung hinzuweisen. Deswegen begannen die Polgárs ihren drei Töchtern das Schachspielen beizubringen. Das systematische Training und die tägliche Praxis haben sich ausgezahlt. Im Jahr 2000 waren alle drei Töchter in den Top Ten der weiblichen Schachpielerinnen der Welt. Die jüngste, Judit, wurde mit 15 Jahren sogar Großmeisterin - heute ist Judit eine der besten Spielerinnen der Welt und hat fast alle besten männlichen Spieler besiegt.

Was korreliert also mit dem Erfolg?

Um erfolgreich zu sein, müssen Sie vor allem eines: intensiv üben. Dabei sind aber nicht nur die Zeit, sondern auch die Qualität der Praxis wichtige Schlüsselfaktoren, um das Fachwissen auszuweiten. Experten werden nun mal nicht geboren.
Die Reise zu wirklichem Können ist weder etwas für schwache Nerven noch für Ungeduldige. Die Entwicklung von echtem Fachwissen erfordert Ausdauer, Opferbereitschaft und ehrliche, oft schmerzhafte Selbsteinschätzung. Und: Es gibt auf den Weg dorthin keine Abkürzungen.

Schätzungen zufolge dauert es Jahre, bis Sie wirklich tiefgreifendes Fachwissen erworben haben. Sie sollten diese Zeit sinnvoll investieren, sich bewusst in der Praxis üben und auf die Aufgaben konzentrieren, die über Ihre derzeitige Kompetenz und Ihren Komfort hinausgehen. Wenn Sie dann noch einen guten Coach haben, der Sie nicht nur fordert und fördert, sondern Ihnen hilft, sich selbst zu trainieren, ist ein weiterer Stein gelegt.

Nur Wissen alleine führt nun mal nicht zu überlegenen Leistungen. Das zeigt auch eine Studie, die die Arbeit von Psychotherapeuten untersuchte. So waren die Therapeuten mit vielen verschiedenen Abschlüssen nicht unbedingt erfolgreicher in der Behandlung von Patienten als TherapeutInnen mit weniger Fachwissen. Ausschlaggebend war vielmehr das Erfahrungswissen.

Bewusstes Üben

Menschen, die selbst noch keine Expertise aufgebaut haben, scheinen zu glauben, dass wirkliches Know-how einfach das Ergebnis der täglichen Praxis über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg ist. Das Leben in einer Höhle macht Sie jedoch auch nicht automatisch zum Geologen. Nicht jede Übung macht also den Meister. Sie brauchen eine besondere Art von Übung - bewusstes Üben unter Anleitung -, um Fachwissen zu entwickeln. Die meisten verstehen unter Übung, die Konzentration auf Dinge, die sie bereits wissen. Die Praxis, die ich meine, ist eine andere. Es geht darum, sich spezifisch und andauernd anzustrengen und etwas zu tun, das Sie nicht gut oder gar nicht können.

Beispiel Golf

Stellen Sie sich vor, Sie lernen zum ersten Mal Golf zu spielen. In den ersten Stunden versuchen Sie die Grundschläge zu verstehen und sich darauf zu konzentrieren, grobe Fehler zu vermeiden (wie den Ball auf einen anderen Spieler zu schießen). Sie üben im Trockenen und spielen erste Runden mit anderen, die auch Anfänger sind. In überraschend kurzer Zeit werden Sie ein besseres Gespür entwickeln und Ihr Spiel wird sich verbessern. Ab dann werden Sie an Ihren Fähigkeiten arbeiten, indem Sie mehr Bälle spielen, bis Ihre Schläge automatisch werden: Sie werden weniger über jeden Schlag nachdenken und mehr aus der Intuition herausspielen. Ihr Golfspiel wird ab nun vielleicht mehr zu einem gesellschaftlicher Ausflug, bei dem Sie sich gelegentlich auf Ihren Abschlag konzentrieren. Von diesem Zeitpunkt an wird jede zusätzliche Zeit auf dem Platz Ihre Leistung nicht wesentlich verbessern.

Warum? Wir verbessern unsere Leistung nicht, wenn wir aus Fehlern nicht bewusst lernen. Wenn Sie eine Runde spielen, erhalten Sie nur eine einzige Chance, von einem bestimmten Ort aus abzuschlagen. Sie werden so nicht herausfinden, wie Sie Fehler korrigieren können. Wenn Sie fünf bis zehn Abschläge von genau der gleichen Stelle auf dem Platz machen, bekommen Sie mehr Feedback über Ihre Technik und beginnen, Ihren Spielstil anzupassen, um Ihre Technik zu verbessern. In der Tat nehmen Profis oft mehrere Abschläge vom selben Ort auf, wenn sie trainieren und wenn sie kurz vor einem Turnier stehen.

Berufliche Kompetenz

Diese Art von bewusster Praxis kann direkt auf die Entwicklung von beruflicher Kompetenz umgelegt werden. Um Ihre Expertise im Design Thinking zu festigen, müssen Sie oft und viel vor  Kunden stehen, mit dem Team zusammenarbeiten und auch in Krisenzeiten den einen oder anderen überzeugen. Eine überraschende Anzahl von Trainern und Beratern glaubt, dass Design Thinking nicht viel Übung braucht. Wenn sie jedoch dann unter Anleitung einen Workshop leiten oder trainieren, wird deutlich, dass viel Luft nach oben besteht und ein einzelner Workshop noch keinen Meister macht.

Echte Experten üben nicht nur absichtlich, sondern denken auch bewusst nach. Sie gehen nicht einfach in ein Unternehmen und beginnen mit irgendwas. Vielmehr entwickeln sie bewusst Prozesse und überlegen Szenarien, die sie dann anderen Experten präsentieren und um Feedback bitten. Wenn eine Vorgehensweise nicht wie erwartet funktioniert, gehen wirkliche Experten auf ihre vorherige Analyse zurück, um festzustellen, was wo schief gelaufen ist und wie sie zukünftige Fehler vermieden können. Sie arbeiten kontinuierlich daran, ihre Schwächen zu beseitigen.

Fähigkeiten verbessern und erweitern

Bewusstes Übung beinhaltet zwei Arten von Lernen: Verbesserung der Fähigkeiten, die Sie bereits haben, und Erweiterung Ihrer Fähigkeiten. Es ist sehr einfach, bewusstes Üben zu vernachlässigen. Experten, die ein hohes Leistungsniveau erreichen, reagieren oft automatisch auf bestimmte Situationen und können sich so auf ihre Intuition verlassen. Das führt aber zu Schwierigkeiten, wenn sie mit atypischen oder seltenen Fällen zu tun haben, weil sie die Fähigkeit verloren haben, eine Situation zu analysieren. Vor allem ältere Profis mit viel Erfahrung tappen in diese Falle.

Sich außerhalb Ihrer normalen Komfortzone zu bewegen, erfordert Motivation und Opfer, aber es ist eine notwendige Disziplin. Es liegt in der menschlichen Natur, das zu üben, was man schon gut kann, denn es ist mit viel weniger Arbeit und viel mehr Spaß verbunden. Aber so lernen Sie nun mal nicht.

Es braucht Zeit

Experten fallen nicht einfach so vom Himmel. Selbst die begabtesten Künstler brauchen Jahre an intensivem Training, bevor sie internationale Wettbewerbe gewinnen. Leo Tolstoi bemerkte einmal, dass Leute ihm oft sagten, sie wüssten nicht, ob sie einen Roman schreiben könnten oder nicht, weil sie es nicht versucht hätten - als ob sie nur einen einzigen Versuch machen müssten, ihre natürliche Fähigkeit zu schreiben zu entdecken. Sie müssen nicht nur bereit sein, Zeit zu investieren, um ein Experte zu werden, sondern Sie müssen früh anfangen, Ihre Fähigkeiten auszubauen.

Suchen Sie nach einem Mentor

Wenn Sie sich die Entwicklung erfolgreicher Menschen ansehen, werden Sie in fast jedem Fall einen Mentor oder einen Lehrer finden, der das Üben überwacht und dazu drängt, die Komfortzone zu verlassen. Zu Beginn hilft ein Lehrer dabei, Ihren Lernprozess zu beschleunigen. Die Entwicklung von Fachwissen erfordert aber Mentoren, die in der Lage sind, konstruktive und sogar schmerzhafte Rückmeldungen zu geben. Echte Experten sind extrem motivierte Schüler, die genau nach solchen Rückmeldungen suchen. Sie wissen auch, wann und ob der Rat für sie funktionieren wird. Sie suchen sich bewusst scheinbar unsentimentale Trainer aus, die sie herausfordern und zu höheren Leistungen bringen. Die besten Trainer identifizieren auch Aspekte Ihrer Leistung, die auf der nächsten Stufe der Fähigkeiten verbessert werden müssen. Aber Achtung: Wenn ein Mentor Sie zu schnell, zu hart schubst, werden Sie nur frustriert sein und sogar versucht sein, den Versuch aufzugeben, sich zu verbessern.

Fazit

Die Vorstellung, dass ein Genie geboren und nicht gemacht wird, ist tief verwurzelt. Mozart gilt als Paradebeispiel, der gerne als Wunderknabe mit außergewöhnlichem angeborenem musikalischen Genie präsentiert wird. Niemand stellt in Frage, dass Mozarts Leistungen im Vergleich zu denen seiner Zeitgenossen außergewöhnlich waren. Was jedoch oft vergessen wird, ist, dass seine Entwicklung für seine Zeit ebenso außergewöhnlich war. Seine musikalische Vormundschaft begann, bevor er vier Jahre alt war, und sein Vater, ebenfalls ein großartiger Komponist, war ein berühmter Musiklehrer und hatte eines der ersten Bücher über Geigenunterricht geschrieben. Wie andere Weltklasse-Künstler wurde Mozart nicht als Experte geboren - er wurde einer.

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