Von Ingrid Gerstbach

Wir sind gerade dabei, unser Unternehmen zu erweitern und neue Mitarbeiter einzustellen. Gar nicht so einfach jemanden zu finden, der oder die sowohl in das Unternehmen passt, dieselben Werte wie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit teilt und spezielle Fähigkeiten wie Empathie und Kreativität mitbringt. Um die Chance zu erhöhen und jemanden zu finden, der unser Team unterstützen kann, habe ich mich bewusst in die Rolle des Bewerbers bzw. einer unserer Mitarbeiter versetzt und überlegt, was das Unternehmen dem Mitarbeiter bieten sollte. Eine spannende Erkenntnis, die ich dabei hatte, war, dass weniger die spezielle Jobbeschreibung zählt – die Rolle schafft man sich im Laufe der Zeit selber – sondern für wen man arbeitet.

Wenn es darum geht, wirklich gute Arbeit zu leisten, konzentrieren sich die meisten auf die Rolle. Titel, Beschreibung oder Gehalt können in den meisten Fällen verhandelt werden, nicht aber die Kultur eines Unternehmens wie Werte, Normen und Praktiken. Nur, wie soll jemand herausfinden, welche Normen und Werte ein Unternehmen hat, wenn er oder sie noch nie dafür gearbeitet hat?

Eine Möglichkeit das schnell herauszufinden, finden Sie im Design Thinking. Diese Methode klingt vielleicht auf den ersten Blick banal, aber sie ist äußerst effektiv: Lassen Sie sich Geschichten erzählen. Und zwar nicht irgendwelche Geschichten, sondern solche, die im bzw. rund ums Unternehmen passiert sind. Wenn Sie von einer Geschichte berührt sind und Sie Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht, ist das ein äußerst gutes Zeichen: Denn dann gibt es gemeinsame Werte.

Ist der Chef einer von uns?

Fragen Sie z.B. Mitarbeiter, wie der Chef agiert: Wenn Sie hören, dass der Chef sich jedes Mal nach dem Befinden erkundigt und wirklich zuhört, dann ist er oder sie an Ihnen als Person interessiert. Wenn der Chef den Schlüssel zum Büro mit in den Urlaub nimmt, damit ja niemand ohne ihrem/seinem Wissen das Zimmer betritt, dann demonstriert das Macht und Überlegenheit.

Können Sie Ihre Karriere selber beeinflussen?

Wie lange sind die Menschen schon in dem Unternehmen und wie haben sie begonnen? Als Rezeptionist, der plötzlich Kunden berät oder als Sekretärin, die sich später in der Chefetage befindet? Oder bleibt niemand länger als 3 Jahre in dem Unternehmen?

Wie ist der Umgang mit Fehlern?

In vielen Unternehmen haben Fehler weitreichende Folgen. Kennen Sie die berühmte Geschichte von IBM? Nachdem ein Angestellter in den 1960er Jahren einen Fehler gemacht hat, der dem Unternehmen $10 Millionen kostete, ging er in das Büro von Mr. Watson, dem damaligen CEO, um seine Kündigung einzureichen. Dieser sagte "Was fällt Ihnen ein? Ich habe gerade 10 Millionen Dollar in Ihre Weiterbildung investiert!“ Fehler können großartige Lerngeschenke für alle Beteiligte sein – wenn das Unternehmen Raum dafür einräumt.

Auch bei der Arbeit zählen die inneren Werte

Die grundlegenden Antworten, nach denen Sie in den Geschichten Ausschau halten sollten, drehen sich um Fairness (ist das Unternehmen ein angenehmer Ort, an dem es sich zu arbeiten lohnt?), Sicherheit (Ist es sicher hier zu arbeiten?) und Kontrolle (inwieweit kann man sein Schicksal selber in die Hand nehmen?).

Wenn die Geschichten davon handeln, wie sich der Chef für die Mitarbeiter auch in harten Zeiten einsetzt oder wenn Fehler passieren, beurteilen Menschen die Unternehmenskultur als fair und sicher. Beobachten Sie, wie Menschen reden, schauen und gestikulieren, wenn sie diese Geschichten erzählen. Es ist eines, wie ein Unternehmen sich nach außen hin gibt - wie die Einrichtung ist - aber es ist etwas ganz anderes, welche Werte innerhalb geteilt werden. Wenn ein Unternehmen oft über Innovationen redet, dann können Sie davon ausgehen, dass es dort wichtig ist, neue Ideen anzusprechen und Sie auf offene Ohren stoßen werden. Wenn Humor dort großgeschrieben wird, dann signalisiert es, dass die Führungskräfte sich um die Menschen kümmern.

Wenn Geschichten darauf hindeuten, dass ein Unternehmen unfair, unsicher oder unbeweglich ist, dann streichen Sie es lieber von der Liste. Und hüten Sie sich vor einem Unternehmen, das bei den Mitarbeitern einen schlechten Ruf genießt. Auch wenn Sie die Hoffnung haben, dass Sie die Ausnahme sein werden.
Wenn sich die Mitarbeiter wohl fühlen und sich selbst als produktiv und die Atmosphäre angenehm finden, ist das ein gutes Zeichen.