Von Ingrid Gerstbach

In jedem Design Thinking-Prozess stoßen wir früher oder später an den Punkt, in dem gerne aufgeschoben wird. Sei es, dass das Team nicht direkt den Kunden befragen will oder dass der Prototyp angeblich noch nicht reif ist, jemanden außerhalb der Gruppe zu präsentierten. Oder oder. Prokrastination (oder Aufschieberitis auf neudeutsch) kommt in vielen Verkleidungen. Wie oft finden wir endlose Gründe, um etwas aufzuschieben – vor allem nachdem wir uns dazu entschlossen haben, eine Sache anzupacken. Viele von uns sind gut darin Dinge von der To-Do-Liste zu streichen und dabei trotzdem das Komplexe für einen weiteren Tag unberührt liegen zu lassen. Wir können uns vollkommen einlassen, etwas zu sehen und dabei kunstvoll die wirklich wichtigen Aufgaben vermeiden. Irgendwann aber kommen wir zu diesem unberührten Element, das ganz unten auf der To-Do-Liste vor sich hinsiecht. Beim Anblick dessen fühlen wir uns dann oft ein wenig enttäuscht und schlecht. Aber muss das wirklich sein?

Wie Prokrastination Innovation unterstützt

Dabei ist das gar nicht nötig! Einerseits, weil es ein paar Tricks gibt, die Ihnen helfen, aus diesem Kreislauf auszusteigen (dazu später mehr), aber auch, weil Prokrastination durchaus den Kreativitätsprozess unterstützt: Denn, wenn wir Dinge vor uns herschieben, füttern wir unser divergentes Denken und sammeln so Informationen an. Diese Informationen wiederum führen oft zu neuen Erkenntnissen, die verarbeitet werden müssen und neue Wege eröffnen, die Dinge anders zu lösen. Oder Dinge auch zu verbessern. Wollen wir Studien Glauben schenken, hat Martin Luther King seine berühmte Rede in letzter Minute umgeschrieben und viel dabei improvisiert. Oder denken Sie an Leonardo Da Vinci, der 16 Jahre damit verbrachte, an seiner Mona Lisa herumzufeilen. In der Zwischenzeit lenkte er sich mit allerlei Experimenten rund um die Lichttechnik ab, was wiederum direkt in seine Arbeit einfloss.

Wie kommt es zur Aufschieberitis und wie können Sie sich davon selber befreien?

In der Schule haben die meisten von uns gelernt, dass aufschieben etwas Schlechtes ist und im Grunde als Synonym für faul, unorganisiert oder unprofessionell steht. Zugegeben: Bei manchen Aufgaben ist es auch nicht die beste Lösung, Aufgaben auf die lange Bank zu schieben. Zum Beispiel beim Thema Qualität. Wenn Sie eine Aufgabe mit hoher Priorität durchführen, qualitativ hochwertige Arbeit erstellen müssen oder es gar das erste Mal ist, dass Sie eine Aufgabe erledigen wollen, dann ist es sicherlich keine gute Idee, die Sache auf die lange Bank zu schieben. In solchen Situationen braucht es einfach die Zeit für strategisches Denken, Recherche und Planung.

Dass wir dennoch gerne mal Dinge aufschieben, hängt mit unserem Denken zusammen. Im Allgemeinen neigen wir alle dazu, mit Aufgaben zu kämpfen, die einen künftigen Aufstieg als Gegenleistung für unsere Bemühungen versprechen. So ist es einfacher, konkrete und nichtabstrakte Dinge zu verarbeiten (und seien sie noch so unangenehm) anstatt jene, die zu einer unbekannten und damit unsicheren Zukunft führen. Wir machen also nichts anderes als eine Art Kosten-Nutzen-Analyse. Und diese ist auch die Lösung, wenn es darum geht, der Aufschieberitis einen Riegel vorzusetzen: Machen Sie die Vorteile der Handlung größer und gleichzeitig die dabei entstehenden Kosten kleiner. Anders gesagt: Der Lohn für die Durchführung einer Aufgabe muss sich größer anfühlen, als der unmittelbare Schmerz.

Die Vorteile Ihrer Handlungen größer und realer machen

1. Weihen Sie andere in Ihre Vorhaben ein: Erzählen Sie den Leuten, was Sie sich vorgenommen haben. Dadurch verstärken Sie, dass Sie tatsächliche Maßnahmen ergreifen. Warum? Weil das Belohnungssystem unseres Gehirns so stark auf unser soziales Ansehen reagiert. Es ist uns einfach sehr wichtig, dass wir von anderen respektiert werden - auch von Fremden. Die meisten von uns wollen nicht als dumm oder faul von anderen Menschen gesehen werden. Indem Sie also jemanden sagen, dass Sie den Bericht bis zum Ende des Tages verschicken, malen Sie ein Bild von sich und hängen das an Ihr Versprechen an. Das alleine kann schon reichen, um die Kugel ins Rollen zu bringen.

2. Visualisieren Sie, wie groß das Ergebnis letztlich aussieht: Forscher haben entdeckt, dass Menschen sich eher um ihre künftige Pension kümmern, wenn sie digital gealterten Fotos von sich selbst sehen. Warum? Weil sie dadurch die Zukunft besser fühlen können und die Vorteile dadurch auch mehr ins Gewicht fallen. Wenn Sie also eine zukünftige Version von jeder Aufgabe, die Sie vermeiden wollen, machen, und dadurch ein lebendiges, geistiges Bild von den Vorteilen erarbeiten, hilft genau das dabei, die Angst zu lösen. Wenn Sie also das nächste Mal wieder einen Anruf aufschieben wollen, stellen Sie sich vor, wie Sie das Gefühl der Zufriedenheit überkommt, sobald Sie den Anruf beendet haben.

3. Konfrontieren Sie sich mit dem Nachteil der Untätigkeit: Vielen von uns fällt es generell schwer, den Status quo richtig zu bewerten. Während wir die Vor-und Nachteile von etwas Neues abwägen können, betrachten wir viel weniger oft die Vor-und Nachteile, wenn wir etwas nicht tun. Dieses Denken ist auch bekannt als Omission-Bias bzw. die Neigung zur Unterlassung. Demnach wird eine Handlung subjektiv als riskanter angesehen als eine andere Verhaltensoption, die in einem Unterlassen besteht. Zwingen Sie sich also auch mal bewusst Kehrseite des Verschiebens zu betrachten und erkennen Sie, was passiert, wenn Sie die Handlung nicht anstoßen.

Minimieren Sie die Kosten Ihrer Handlung

1. Verknüpfen Sie den ersten Schritt mit einer Belohnung: Wir können die Kosten der Anstrengung sogar noch kleiner machen, wenn wir diesen kleinen Schritt mit etwas verbinden, auf das wir uns eigentlich freuen. Mit anderen Worten, verbinden Sie die Aufgabe, die Sie vermeiden, mit etwas, das Sie am liebsten sofort machen wollen. Zum Beispiel könnten Sie sich erlauben, Zeitschriften zu lesen, wenn Sie beim Zahnarzt sind, die Sie sonst nie lesen würden. Oder versprechen Sie sich selbst Ihr Lieblingsgetränk in dem Lieblingscafe, wenn Sie einen wichtigen Anruf tätigen müssen.

2. Eliminieren Sie versteckte Blockaden: Manchmal sind wir einfach nicht bereit, einen ersten Schritt zu gehen, weil eine Stimme in uns sagt „Jaja, gute Ideen, aber…“ An dieser Stelle geben Sie nicht nach, sondern fragen Sie Ihre innere Stimme lieber, was dieses Aber tatsächlich bedeutet. Finden Sie den eigentlichen Grund heraus, um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Nutzen Sie dazu z.B. die Warum-Technik. Oft ist das Problem, dass eine konkurrierende Aufgabe die eigene Motivation untergräbt. Angenommen Sie wollen früher in die Arbeit kommen. Durch die Warum-Fragerei könnten Sie z.B. aufdecken, dass Sie dann früher von der Familie wegmüssten, was Sie einfach nicht wollen. Sobald Sie diesen Konflikt explizit gemacht haben, ist es viel wahrscheinlicher, dass Sie einen Weg finden, das Problem zu überwinden.

3. Identifizieren Sie den ersten Schritt: Manchmal fühlen wir uns nur entmutigt durch die Größe der Aufgabe, die wir vor uns herschieben. Der Trick dabei ist, die große, unfassbare Aufgabe in kleine Schritte aufzuteilen, die Ihnen nicht das Gefühl geben, dass Sie Berge versetzen müssen. Oder noch besser: Identifizieren Sie den kleinsten ersten Schritt. Einen, der so einfach ist, dass sogar das sonst denkfaule Gehirn sehen kann, dass die Vorteile die Kosten der Anstrengung überwiegen.

Fazit

Seien Sie das nächste Mal freundlicher zu sich selbst, wenn Sie sich dabei erwischen, dass Sie eine Aufgabe vor sich herschieben. Überlegen Sie sich, ob Sie auf diese Weise Ihr kreatives Denken ankurbeln könnten oder ob Ihr Gehirn Hilfe braucht, um weniger kurzsichtig zu denken. Manches Mal ist es wirklich die beste Idee, Dinge auf die lange Bank zu schieben, um sie dann aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können...