Von Ingrid Gerstbach

Kennen Sie den Spruch „Ohne Schmerz kein Gewinn“? Diese implizite Forderung nach ständiger Anstrengung ist Spiegel einer Gesellschaft, die jede freie Minute in neue Projekte steckt und dabei nicht zur Ruhe kommt. Wer seine freie Zeit nicht mit Leidenschaft der Arbeit widmet, scheint sich nicht voll einlassen zu wollen - und ist folglich ein Verlierer.

Ich bezweifle die Richtigkeit dieser Sichtweise. Natürlich sind Engagement und ehrliche Selbstreflexion wichtig, aber Selbstbestrafung in Form eines schlechten Gewissens kann doch kein probates Mittel sein! Dass das Gegenteil der Fall ist, beweist auch eine Studie: Je freundlicher und respektvoller Sie mit sich selbst umgehen, umso eher können Sie Rückschläge überwinden und werden mit Erfolg belohnt.

Selbstmitfühlend zu sein ist kein Zeichen des Versagens!

Neulich zeigte sich mir in einem Workshop ein gewohntes Bild: Die TeilnehmerInnen waren alles Mitarbeiter aus höheren Ebenen, denen es schwer fiel sich ohne die Techniken im Detail erklärt und damit verstanden zu haben, sich auf den Prozess einzulassen. Einfach zu versuchen und zu probieren, was rauskommt, wenn man seinen eigenen Gespür folgt, ist natürlich schwer, wenn man es bis dahin nur unterdrückt hat. Förmlich haben sie mich verkrampft darum gebeten, ihnen DIE Techniken zu zeigen, die mit Sicherheit zur erfolgreichen Kreativität führen. Wenn es sein muss, dann auch mit dem Brecheisen. Solche Personen lechzen meiner Erfahrung nach oft nach Aufgaben, Methoden, Tools und Vorgehensweisen, die Sicherheit versprechen. Die mit süßer Stimme zum gewünschten Erfolg locken. Wenn dieser dann nicht eintritt, wird nicht etwa zuerst an der jeweiligen Technik gezweifelt, sondern an dem Mensch und seinen Fähigkeiten. Der eigene, unbarmherzige Richter fungiert gleichzeitig als Ankläger und Henker, nur selten aber als selbstbewusster Verteidiger. Warum eigentlich?

Sich selbst gegenüber freundlich und respektvoll aufzutreten, wird in der Psychologie als Selbstmitgefühl tituliert. Es geht darum, offen zu sein und Leiden zuzulassen, die eigenen Gefühle zu spüren und Fürsorge und Freundlichkeit sich selbst gegenüber zu erlauben und zu erleben. Ohne sich dadurch unzulänglich zu fühlen. Bzw. Fehler als Teil der menschlichen Erfahrung zu sehen.

Unterscheiden Sie Selbstmitgefühl vom Egotrip

Dabei ist es ein Unterschied, ob jemand Mitgefühl mit sich selbst empfindert oder ein großes Selbstwertgefühl besitzt. Beim Mitgefühl geht es nicht um das eigene Ego. Menschen, die ein hohes Selbstwertgefühl haben, neigen dazu, Scheitern Faktoren zuzuschieben, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Das hilft vielleicht dabei, mit der eigenen Enttäuschung umzugehen, aber nicht beim Lernen.
Im Gegensatz dazu sind Menschen mit hohem Mitgefühl ehrlicher zu sich selbst und nehmen den eigenen Anteil am Scheitern an - aber sie verprügeln sich deswegen noch lange nicht. Vielmehr stehen sie nach Niederlagen wieder auf und sehen die Situation als Chance zu wachsen.

Eine Studie aus dem Jahr 2014 der Brandeis Universit, zeigt, wie der Körper auf Stress reagiert und inwiefern Selbstmitgefühl dazu beiträgt. Dazu wurden die Probanden aufgefordert, einerseits öffentlich zu reden und andererseits eine mathematische Aufgabe zu lösen. Danach wurde ihr Entzündungswert im Blut gemessen. Das Ergebnis: Menschen, die zu sich selbst generell eher mitfühlend agierten, zeigten weniger physiologische Stressreaktionen. Daraus folgte die Schlussfolgerung, dass Selbstmitgefühl vor gesundheitlichen Risiken schützt, die mit Stress und Druck verbunden ist.

Selbstmitgefühl ist Übungssache

Wenn Sie eher dazu neigen, sich zu quälen und zu geißeln, wenn Sie mal einen Fehler machen, ist das kein Grund gleich zu verzweifeln. Es gibt eine Möglichkeit, dieser Angewohnheit zu entkommen: Sie können dazu eine Art Tagebuch führen, in denen Sie Ihre selbstkritische Gedanken aufschreiben. Wenn Sie deprimiert sind, dann schreiben Sie sich selbst einen Brief über die aktuelle Enttäuschung, aber aus der Perspektive eines Freundes, der Sie bedingungslos liebt und akzeptiert, so wie Sie sind!Aus Studien, die genau diese Übung verfolgten, wissen wir, dass dadurch nicht nur das Mitgefühl zu sich selber steigt, sondern auch Optimismus und Selbstvertrauen.

Beginnen Sie damit, sich selbst mit der gleichen Güte zu behandeln, wie es ein enger Freund machen würde. Das nächste Mal, wenn Sie einen Rückschlag in Ihrer Arbeit erleiden oder einen vermeidbaren Fehler machen und Sie wirklich wütend auf sich selbst sind, versuchen Sie zu denken, was Ihnen ein Freund dazu sagen würde. Ziemlich sicher würde er oder sie Ihnen sagen, dass jeder Fehler macht und er oder sie würde Sie an Ihre bisherigen Erfolge erinnern und dass es in jeder Situation Wege gibt, da wieder rauszukommen, das Ganze quasi als Lernerfahrung abzustempeln. Aber Ihr Freund wäre sicher nicht wütend auf Sie und würde Sie als Idiot beschimpfen! Warum tun Sie das dann?

Wie alles im Leben erleichtert Übung das Wachstum an Mitgefühl. Sie werden feststellen, dass auch hier der schwierigste Teil in den ersten Schritten liegt. Vielleicht ist das größte Hindernis, dass Sie Ihre eigene Vorstellungen über „Softie“ ändern müssen.

In einer Studie der University of Manitoba in Kanada wurden Dutzende von jungen Erwachsenen gebeten sich vorzustellen, wie sie sich nach einem persönlichen Versagen fühlen würden, wenn sie sich mit mehr Selbstmitgefühl begegnen würden. Jene Leute, die gewöhnlich weniger selbstmitfühlend waren, empfanden sich selbst als weniger fleißig und ehrgeizig, fühlten sich verantwortlich für das Scheitern und empfanden sich als nicht wettbewerbsfähig im Vergleich zu den Teilnehmern, die mehr Selbstmitgefühl in ihrem Leben praktizierten. Die TeilnehmerInnen, die härter mit sich selbst waren, reagiert auf Scheitern vor allem mit Selbstkritik.

Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, dann sollten Sie sich zunächst überlegen, was es für Sie bedeutet, erfolgreich zu sein. Lassen Sie den harten Kerl mal Zuhause und hören Sie auf, sich unmöglich Standards aufzuhalsen. Sie haben gerade in einem Meeting einen Fehler gemacht? Das haben wir doch alle schon mal getan. Sie haben ein Projekt an einen Wettbewerber verloren, weil Sie nicht gut genug waren? Wer hat das nicht? Kreuzigen Sie sich nicht ständig für diese Ausfälle. Stecken Sie Ihren Kopf aber auch nicht in den Sand, denn letztlich strecken Sie so nur Ihren Hintern als Zielscheibe in die Höhe. Beginnen Sie lieber damit zu akzeptieren, dass Rückschläge Teil des Lebens sind und versuchen, sich selbst wie einen Freund zu behandeln. Dadurch können Sie viel eher das Beste aus der Situation machen und aus dem lernen, was schief gelaufen ist.