Von Ingrid Gerstbach

Kritische Diskussionen in Sachen Problemlösung sind so wichtig wie der Prozess an sich. Wenn Sie in einem Team arbeiten, brauchen Sie das Feedback Ihrer Kollegen, um Ihr Bestes zu geben und sich ständig weiterzuentwickeln.

Die meisten von uns wissen, wie wichtig Kritik für das Ergebnis im Prozess ist - und trotzdem vermeiden wir Kritik fast so wie der Teufel das Weihwasser. Unbewusst fürchten wir Kritik an unserer Arbeit. Viele empfinden eine offen geäußerte Reflexion über einen Entwurf als eine Art riesigen Scheinwerfer, der unerbittlich unsere persönlichen Schwächen anstrahlt. Dabei könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein! Denn richtig überbrachte Kritik hilft dabei, seinen Fokus auf Ziele, Ergebnisse und Bedürfnisse der Nutzer zu richten.

Kritik richtig überbringen, ist das A und O

Feedback sollte immer ehrlich und konstruktiv sein. Niemand gewinnt, wenn die Diskussion im Grunde ein einfacher Austausch von Gemeinheiten ist. Das Ziel jeder Kritik ist es, herauszufinden, wie ein Produkt, ein Service bzw. eine Idee besser werden kann. Es geht nicht darum, dass Sie einen Preis für Perfektion einheimsen.
Wenn Sie selbst einem Kollegen Feedback geben wollen, bei dem Sie denken, dass der eine oder andere die Botschaft missverstehen könnte, halten Sie es wie Mary Poppins „Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt…“

Vergessen Sie nicht, dass Ihr Feedback sich immer um die Unternehmensziele und die Bedürfnisse der Nutzer drehen sollte. Wenn Sie im Design Thinking Prozess bereits an der Stelle sind, bei der Sie die Ideen kritisch beleuchtet werden, haben Sie zumindest Personas erstellt und wissen so um die tatsächlichen Bedürfnisse Ihrer Nutzer. Rufen Sie dieses Wissen dem Team wieder ins Gedächtnis und machen Sie dabei deutlich, dass es um das Konzept geht und die Nutzer. Nicht um persönliche Neigungen. Dieses Wissen hilft auch dabei, eigene Beobachtungen und Empfehlungen besser zu artikulieren.

Bei Kritik sollte es niemals darum gehen, Ihre eigene Meinung und Sicht zu kommunizieren und zu sagen, was Ihnen gefällt und was nicht. Vielmehr dreht sich bei Feedback alles darum, Ihr anvisiertes Ziel zu erreichen und möglichen berechtigten Kritiken von außerhalb vorzukommen.

So sollten Sie Kritik selbst annehmen

Wenn Sie der Empfänger von Kritik sind, dann ist die wichtigste Regel dabei zuzuhören. Ihr erster Impuls ist vielleicht, sich und Ihre Ideen zu verteidigen, aber das würde das Gespräch bereits im Keim ersticken und Ihnen die Möglichkeit nehmen, neue Vorschläge zu überprüfen. Hören Sie gut zu, nehmen Sie alles sorgsam auf, überlegen Sie gründlich und erst dann reagieren Sie.

Auch wenn jede Faser Ihres Körpers zunächst danach schreit: Schlagen Sie Kritik bitte nicht automatisch mit „So ein Unsinn! Niemals - nein!“ aus. Denn wäre diese Reaktion wirklich gerechtfertigt, wären Sie entweder ein unglaubliches Super-Super-Genie oder Ihre Kollegen sind allesamt hirnverbrannte Idioten. Die Chancen liegen hoch, dass weder das eine noch das andere so ist.

Vorteile eines Kritik-Meetings

Das bedeutet, dass Kritik Ihnen immer dabei helfen wird, dass Ihre Idee besser wird. Ein ungeschriebenes Gesetz im Design Thinking lautet „Sag niemals nie.“ Wenn Sie stets alles hinterfragen oder sofort in Abwehrhaltung gehen, töten Sie sofort jede noch so gute Idee. Dasselbe gilt auch für Diskussionen. Wenn Sie wirklich nichts mit den vorgeschlagenen Feedback anfangen können, halten Sie das Gespräch trotzdem mit einer Antwort am Leben, wie „Das ist ein interessanter Gedanken, den ich auch schon in Betracht gezogen haben. Dabei habe ich mir folgendes überlegt…“ Das gibt Ihren Kollegen die Möglichkeit, Ihren Denkprozess nachzuvollziehen und Ihnen beim Denken weiterzuhelfen. So können Sie einerseits Ihre Perspektive erweiteren und werden andererseits auf eigene blinde Flecken aufmerksam.

Nehmen Sie zu jedem Kritik-Meeting einen Notizblock mit und machen Sie sich Notizen. Schreiben Sie detailliert und ungefiltert zunächst die Anregungen auf, so wie Sie sie erhalten. Das hilft Ihnen nicht nur bei der Erinnerung an die Rückmeldungen, sondern zeigt Ihren Kollegen auch, dass Sie sie ernst nehmen und dass ihr Input wertvoll für Sie ist. Wenn Sie hilfreiches Feedback erhalten haben, scheuen Sie sich nicht davor danke zu sagen. Damit gewinnen Sie sofort weitere Verbündete, die Ihnen im finalen Design den Rücken stärken werden.

Zu wissen, dass jeder Ihrer Entwürfe kritisch hinterfragt werden wird, ändert sofort die Art und Weise, wie Sie Ideen entwerfen. Es ist viel schwieriger, eine Design-Entscheidung zu verteidigen, weil "... die Art und Weise mochten wie es aussieht“. Das führt automatisch dazu, bessere Entscheidungen zu treffen, die von den Projektziele und Bedürfnissen der Nutzer angetrieben werden.
Schreiben Sie gleich bei der Entwicklung eines Entwurfs Notizen, warum Sie diese Idee hatten, damit Sie diese Aspekte dann ebenfalls im Team diskutieren können.

Kritik-Meetings

Wenn Sie ein Kritik-Meeting moderieren, beachten Sie vor allem zwei Dinge:

  1. Jeder sollte daran teilnehmen: Wenn jeder Gegenstand der Kritik ist, fühlt es sich weniger hart an als wenn es nur eine Person betrifft.
  2. Sobald Sie merken, dass Kritik persönlich wird, sagen Sie sofort stopp und erinnern Sie alle Beteiligten, dass das eigentliche Ziel dieser Sitzung ist, die Idee zu verbessern und einander zu helfen.

Beginnen Sie das Kritik-Meeting mit einer Ausführung, wie Kritik gegeben und empfangen werden sollte. Viele von uns haben niemals gelernt, wie es ist, Feedback zu geben und/oder anzunehmen, deswegen macht Kritik generell schnell nervös. Eine kritische Diskussion zu führen ist eine Kunst für sich, die etwas Übung braucht, damit sich alle Beteiligten auch wirklich wohlfühlen.

Lassen Sie die einzelnen Personen zu ihren eigenen Ideen und Entwürfen eine kurze Erläuterung ihres Denkprozesses präsentieren. So erhalten Sie auch gleich einen Kontext zur Diskussion - achten Sie aber darauf, dass diese Ausführungen nicht ausschweifen: Ein Zuviel an Erklärungen und Erläuterungen beeinflusst das Feedback maßgeblich. Menschen neigen dazu lieber wie Papageie nachzuschnattern, als auf ihr eigenes, erstes Bauchgefühl zu hören. Lassen Sie stattdessen Erklärungen erst am Schluss - nach dem Feedback - zu. Vor allem die Qualität der Diskussion wird besser, als wenn die Idee von Anfang an aus der Perspektive des Entwicklers betrachtet wird.

Sie werden zwangsläufig auf Punkte stoßen, bei denen Feedback ein wenig wehtut, aber das ist in Ordnung. Die Förderung offener Kommunikation in Ihrem Team ist wichtig und eine gute und gesunde Sache. Auch wenn Kritik-Meetings immer frei von persönlichen Angriffen sein sollten, können solche Übergriffe trotzdem mal vorkommen. Gehen Sie das Risiko ein, denn es ist viel wichtiger, ehrlich und offen zu kommunizieren und eine sichere Umgebung zu schaffen, in der die Menschen vermittelt bekommen, wann sie auf den richtigen Weg sind und wann sie diesen verlassen. 
Sollte dennoch jemand einen Klaps bekommen, lassen Sie ihn oder sie wissen, dass das nichts mit der Person an sich zu tun hat und dass eine mittelmäßige Idee meistens gut genug bedeutet.

Kritik ist ein Muss

Selbst die größten Genies aller Zeiten unterliegen oft harter Kritik - vor allem im Bereich der Innovation. Wenn wir damit aufhören, unsere Arbeit zu hinterfragen, hören wir auf zu wachsen.  Der Stachel, den Sie fühlen, wenn jemand eine Idee kritisiert, ist nichts weiter als der Schmerz, wenn der Geist sich erweitert. Heißen Sie diesen Schmerz willkommen und umarmen Sie ihn - denn er wird Sie letztlich zu neuen Höhen führen.