Von Ingrid Gerstbach

Wenn ich den Auftrag erhalte, Unternehmen innovationsfit zu machen, ist eines der ersten Dinge, die ich mache, mir anzusehen, den Lebenszyklus von Ideen näher zu durchleuchten. Nachdem das Wort Innovation in den meisten Unternehmen sehr vage definiert wird, herrscht Unsicherheit, an welcher Stelle Probleme auftreten können bzw. ob überhaupt im Bereich Innovation derartige Probleme existieren. Meine Definition von Innovation lautet: ... die kontinuierliche, positive Veränderung eines Unternehmens. Diese Definition impliziert, dass es unmöglich ist, mit einem Schlag kontinuierlich positiv Veränderung herbeizuführen. Selbst die brillanteste Idee braucht seine Zeit, geht einen bestimmten Weg und muss überlebensfähig sein.

Innovation = Risiko

Warum sind nicht alle Unternehmen innovativ? Eine Grundregel in Sachen Innovation lautet: Je mehr Barrieren und Hindernisse ein Unternehmen aufgebaut hat, desto schwieriger wird es - selbst für die beste Idee - diese zu überwinden. Oft ersticken erste Überlegungen bereits im Keim oder bleiben nicht lange am Leben.
Der Irrglaube liegt nämlich darin, dass konservative Unternehmensführung parallel zu Innovation problemlos co-existieren kann. Innovation erfordert vor allem eine gewisse Risikobereitschaft und viele konservativ agierende Unternehmen sind dazu nicht bereit.

Überlegen Sie einmal: Wie viele disruptive Ansätze sind Ergebnisse von Startups oder Einzelunternehmen und wie viele von etablierten Unternehmen? Je weniger Menschen in einer Organisation entscheiden, desto größer ist die Chance auf Innovation.
Den meisten Unternehmen fehlt es wirklich nicht an guten Ideen geschweige denn an potenten Mitarbeitern - vielmehr machen Politik, Bürokratie und Kultur Innovationen einen Strich durch die Rechnung.

Der Lebenszyklus einer Idee

Um zu erkennen, wie offen Ihr Unternehmen für innovative Ansätze tatsächlich ist, folgen Sie nur dem Lebenszyklus einer Idee. Beginnen Sie bei deren Vorstellung bis hin zur tatsächlichen Umsetzung (meistens sieht der Ablauf wie folgt aus: Zunächst hat ein Mitarbeiter eine Idee, die als Prototyp erstellt wird und sich dann durch einen Dschungel an bürokratischen Herausforderungen durchschlagen muss. Schließlich landet die Idee umgesetzt in der Welt des Kunden.). Wo liegt nun der Engpass? An welcher Stelle sterben in Ihrem Unternehmen die meisten Ideen? Gibt es einen Raum, wo Mitarbeiter ihre Ideen vorstellen dürfen? Wie sehen die bürokratischen Hürden aus? Wann und in welchem Stadium landet die Idee beim Kunden?

Jedes Unternehmen ist für sich einzigartig und hat seine eigenen Anforderungen, die es zu beachten gilt. Trotzdem sind aber die Lebenszyklen von Ideen in unterschiedlichen Unternehmen die gleichen, auch deren Barrieren:

Idee -> Vorstellung -> Prototyp -> Erarbeitung eines Plans -> Ressourcenplanung -> Bürokratie -> Umsetzung -> Einführung der Idee als Produkt/Service

Ihr eigener Lebenszyklus lässt sich leicht erstellen, indem Sie sich fragen, wann Ideen entstehen und an welcher Stelle sie sterben bzw. verworfen werden. Mit dieser Methode haben Sie im Nu den Punkt, an dem Sie ansetzen müssen, um die Sterberate Ihrer Innovationen zu reduzieren.

In vielen Unternehmen lauert der Ideen-Tod mitten im Spielfeld. Trotz all der Überzeugungsarbeit und der Hingabe, ist oft die Unternehmenskultur zu konservativ und risikoscheu. Diese Einstellung wirkt auf neue Gedanken und Ideen wie schleichendes Gift und tötet umbarmherzig bereits erste Gedankenansätze im Keim. Vielfach kommt es auch gar nicht bis zu diesem Punkt - Ideen werden erst gar nicht geboren, weil die Mitarbeiter sich nicht trauen, ihre Vorschläge und Überlegungen laut auszusprechen. Dann liegt das Problem nicht etwa in einem Mangel an Kreativität, sondern beim Management generell.

Innovation lebt vom Experimentieren. Etwas neu zu entwickeln, verlangt immer ein gewisses Risiko einzugehen. Im schlimmsten Fall hat das Unternehmen ein paar Stunden Zeit der Mitarbeiter sinnlos verschwendet. Aber selbst das ist unwahrscheinlich, weil die Mitarbeiter sich motiviert und ernst genommen fühlen, wenn das Management ihnen Platz für ihre Ideen gewährt. Gesunde Unternehmen nehmen sich bewusst Zeit für Gedanken-Experimente. Dabei erkunden die Mitarbeiter den Raum, überlegen gemeinsam, ob es sich überhaupt auszahlt einen bestimmten Gedanken weiterzuverfolgen oder nicht - noch bevor sie Ideen prinzipiell gleich ablehnen oder annehmen.

Fazit

Sobald Sie festgestellt haben, an welcher Stelle in Ihrem Unternehmen der kreative Engpass liegt, beginnen Sie durch gezieltes Fragen die Anzahl und die Qualität der Ideen zu steigern. Zwar ist jede Idee und jedes Projekt für sich selbst einzigartig. Aber dennoch ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass grundlegende Probleme sichtbar werden, wenn Sie sich genauer ansehen, wie Projekte generell aufgesetzt werden.
Besprechen Sie danach eines Ihrer letzten, kreativen Projekte und holen Sie sich neuen Input ein. Achten Sie auch darauf, was Personen, die direkt im Projekt mitgearbeitet haben, das nächste Mal anders machen würden.
Und das Wichtigste: Bleiben Sie dran! Veränderung geschieht nie von heute auf morgen, sondern braucht seine Zeit.

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