Von Ingrid Gerstbach

Ich habe mich bereits vor Jahren darauf spezialisiert, Unternehmen dabei zu beraten, wie sie Design Thinking in ihre laufenden Prozesse integrieren. Was mir bei dieser Aufgabe immer wieder begegnet, ist die Frage nach dem Umgang mit internen Widerständen - in manchen Fällen ist es sogar offene Ablehnung - gegenüber dieser neuen Form der Arbeit. Das Um und Auf für die erfolgreiche Etablierung von Design Thinking im Unternehmen ist ein Verständnis darüber zu schaffen, wie Design Thinking funktioniert. Unser menschliche Verstand fragt immer nach dem Warum, damit er sich gefahrlos auf Neues einlassen kann. Das Darum sorgt dafür, dass unser Verstand sich bereits im Vornherein auf gewisse Gefahren einstellen kann.

Große Unternehmen und Konzerne haben meistens sehr komplexe Abläufe und Strukturen - jede Änderung eines laufenden Systems sollte dementsprechend gut überlegt sein. Dazu kommt, dass viele Mitarbeiter bereits seit Jahrzehnten mit an Bord sind und genau wissen, wie alles funktioniert und tickt. Getreu dem Motto "Never change a running system" kann sich dann eine Einführung von Design Thinking geradezu radikal anfühlen.

Design Thinking in alte Strukturen einzuführen, verlangt neben einer Menge Optimus und Geduld vor allem eines: Hartnäckigkeit. Wenn Sie als interner Change Agent in ihrem Unternehmen fungieren wollen, stellen Sie sich also vorsichtshalber auf Widerstand ein, dem Sie an der einen oder anderen Stelle wahrscheinlich begegnen werden.

Hier sind ein paar Tipps und Strategien, wie Sie Ihre Kollegen und Mitarbeiter überzeugen können, Design Thinking in Ihr Unternehmen als Prozess für Innovation zu integrieren:

1. Bauen Sie Empathie für Ihre Kollegen auf

Wenn Sie mit der Einführung der Design Thinking Denke, den Methoden und Techniken in Ihr Unternehmen starten, werden Sie vermutlich von Kollegen Sätze hören wie „Das kann hier niemals funktionieren!“; „Wir haben so doch noch nie gearbeitet...“; „Wir haben jetzt wirklich keine Zeit dafür, unsere Prozesse zu ändern geschweige denn etwas Neues auszuprobieren!“   
Mir fällt auch kein einziges Unternehmen aus meiner langjährigen Beratungsgeschichte ein, bei dem ich nicht eine Variation dieser Aussagen gehört hätte.

Wenn Sie auf solch einen Widerstand stoßen, versuchen Sie doch mal, Ihre Kollegen selbst in den Fokus Ihres Design Thinking Prozesses zu stellen und sie als die eigentlichen Kunden/User zu betrachten. Versetzen Sie sich dazu in deren Lage und führen Sie emphatische Interviews durch. Fragen Sie in offenen Gesprächen nach dem Warum. Dabei werden Sie meistens auch Ihren eigenen Annahmen und Sichtweisen begegnen, die Sie dann gezielt hinterfragen können und so neue Insights entdecken, auf die Sie gezielt reagieren können.

Eine kurze Anekdote dazu: Vor einiger Zeit hat mich ein Unternehmen mit der Projektleitung beauftragt. Die Aufgabe bestand darin, das Pojektziel mittels Design Thinking zu erreichen. Gleich in unserem Kick-off Meeting wurde ich mit der vollen Frustration eines Mitarbeiters konfrontiert. Zunächst dachte ich, dass er gegen die Idee protestierte, das Projekt auf Design Thinking Basis zu konzipieren. Ich bat ihn um ein vier Augen Gespräch. Dabei stellte sich schnell heraus, dass es um etwas ganz anderes ging: Dieser Mitarbeiter war es einfach nur leid, erneut mit einem bestimmten Kollegen zusammenarbeiten zu müssen, der sich in seinen Augen ständig aufspielen musste und die Diskussionen förmlich an sich riss.
Als mir klar wurde, was der eigentliche Grund seiner Ablehnung war, konnte ich gut darauf reagieren. So haben wir gleich im Anschluss gemeinsam Regeln für Brainstorming und Ideenfindungen definiert und besprochen und darauf geachtet, dass diese auch alle einhielten. So waren die Sorgen und Ängste des Mitarbeiters und damit sein Widerstand gegen den Prozess ganz schnell wie weggeblasen.

2. Starten Sie mit minimalen Zeit- und Kraftaufwand

Eine der größten Herausforderungen begegnete ich einmal bei einem großen, internationalen Konzern, der Design Thinking in seine Management-Ebene eingeführt hat. Wir wollten mit einem 3-stündigen Workshop starten. Allerdings war es fast unmöglich, einen gemeinsamen 3 Stunden Block zu finden, was wiederum schnell alle frustrierte.

Deswegen begann ich damit, Mini-Workshop-Einheiten zu verschiedenen Aspekten des Design Thinkings in den einzelnen Abteilungen abzuhalten. Zum Beispiel hatte ich eine kurze Einheit mit der Vertriebsabteilung über emphatische Interviews. Statt den vollständigen Durchlauf aller Phasen des Prozesses in einem durchzugehen, haben wir den Prozess einfach in mehrere, kleine und vor allem realisierbare Schritte runtergebrochen.

3. Ändern Sie die Umgebung

Räume wirken immer auf Menschen, deren Einstellungen, Verhaltensweisen und Leistungen. Es gibt einige subtile Tricks, mit Hilfe derer Sie ganz einfach Räume so gestalten können, dass Zusammenarbeit und Innovation plötzlich nahrhaften Boden bekommen.

Eine Technik wird die „Raumsättigungstechnik“ genannt: Gestalten Sie dazu Ihren eigenen Arbeitsbereich mit Bildern, Notizen von Interviews und Beobachtungen über Ihre Kunden/User. Das hat den Effekt, dass Sie sich einerseits selber ständig mit Ihren Zielpersonen beschäftigen, weil Sie durch die Bilder daran erinnert werden, andererseits kommen Sie mit Sicherheit ganz häufig mit Ihren Kollegen darüber ins Reden, weil diese neugierig sein werden. Sie werden sehen, wie schnell sich neue Diskussionen und dadurch wiederum erstaunliche Insights wie von alleine ergeben werden.

Eine andere Variante ist, informelle, mobile Prototyping-Stationen zu entwickeln: Dazu reicht schon ein einzelner Schreibtisch, auf dem Sie nur Ihre Prototypen platzieren und präsentieren bzw. weitergestalten.

Neutral aufgesetzte Arbeitsplätze, die Sie speziell und alleine für Ihr Design Thinking-Projekt nutzen, fördern die Kollaboration extrem. Nutzen Sie dazu Projekträume und machen Sie sie für alle, die an dem Projekt mitarbeiten, jederzeit zugänglich. Hängen Sie dort dann nach und nach das gesamte, gesammelte Material für jeden sichtbar auf.

4. Entwickeln Sie Begeisterung

Machen Sie Ihre Erfolge, egal wie klein, sichtbar. Besprechen Sie die Ergebnisse der Meetings und erzählen Sie Anekdoten „Neulich sprach ich mit unserer langjährigen Lieferantin über die Wirkung unseres Unternehmen auf sie…“. Teilen Sie Ihre Gedanken mit Ihren Kollegen und, wenn möglich und abgemacht, auch außerhalb des Unternehmens in Gruppen, auf Twitter, etc.

5. Sorgen Sie für Spaß

Machen Sie Ihre Design Thinking Sessions zu den beliebtesten Meetings in Ihrem Unternehmen. Arbeiten Sie mit Eisbrechern und Warm-up Spielen, lassen Sie die Teilnehmer zur Abwechslung mal stehen statt sitzen. Machen Sie alles, das weit weg vom Alltäglichen und „wie wir es immer schon getan haben“ Status ist.

6. Gemeinsam statt einsam

Ungeachtet dessen, an welchem Projekt Sie gerade arbeiten: Am wichtigsten ist immer das Team um Sie herum. Suchen Sie eine Art Clique. Denn unabhängig davon, wie entschlossen und kompetent Sie auch sein mögen, alleine ist es immer schwieriger und vieles auch oft gar nicht umsetzbar.
In meiner idealen Vorstellung wird die Einführung von Design Thinking von allen Ebenen der Organisation (einschließlich der obersten) unterstützt. In der Realität sieht das leider meistens anders aus. Dann hilft es enorm, wenn Sie bereits eine Handvoll Kollegen kennen, die sich gegenseitig unterstützen und motivieren.

Fazit

Vergessen Sie nie, dass Sie und Ihre Kollegen die Designer dieser Methode sind und Sie am besten wissen, wie Design Thinking in Ihre Unternehmen passt. Design Thinking ist von Natur aus iterativ und adaptiv. Jeder ist dazu aufgerufen, seine eigene Stimme miteinzubringen und gemeinsam so lange am Prozess herumzuexperimentieren, bis alle damit zufrieden sind.

Die Zutaten, um Design Thinking direkt bei Ihnen im Unternehmen erfolgreich zu etablieren, sind immer dieselben: Neugierde, Offenheit Neuem gegenüber, Optimismus und Spaß an der Zusammenarbeit. Verstehen Sie Ihre Kunden/Nutzer, probieren Sie mehrere Lösungen aus, erarbeiten Sie verschiedene Prototypen, testen Sie viel und durchlaufen Sie einzelne Phasen mehrmals. Und: Geben Sie nicht schnell auf - es wird sich lohnen!