Von Ingrid Gerstbach

Gemeinsam mit meinem Mann führe ich ein ungewöhnliches Unternehmen. Neben der eher analytischen Unternehmensberatung gibt es eine kreative Kraft, die sich bereits hinter einigen Marken und Namen von zum Teil internationalen Unternehmen versteckt. Dazu arbeiten wir mit Experten aus verschiedenen Disziplinen zusammen - Analytikern, Grafikern, IT-Experten usw. Jede dieser Disziplin hat sein eigenes, verwirrendes Fachvokabular, geheime Dresscodes und oft sogar verschiedene Arbeitszeiten. Aber irgendwie ist es genau diese Mischung aus Fähigkeiten, die das Besondere ausmacht.

Wir gehen dabei sehr emphatisch aber auch gleichzeitig analytisch vor - eine Mischung, die viele als Design Thinking bezeichnen. Dieses Verfahren lockt viele Unternehmen an, weil sie sehen, welchen Erfolg vor allem große Unternehmen wie Apple damit haben. Oder weil sie Angst davor haben, im Wettbewerb von ihrem Konkurrent überholt zu werden. Um diesem Dilemma zu entgehen, versuchen sie, das Kreative in betriebsorientierten Unternehmen zu bringen, senden ihre Führungskräfte in Trainings und schaffen Umgebungen, die die rechte mit der linken Gehirnhälfte integrieren sollen.

Design Thinking bedeutet verschiedene Dinge für verschiedene Menschen. Für mich ist es die Verschmelzung des offenen Kreativen mit einem analytisch-operativen Zugang kombiniert mit sehr unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen. Das klingt in der Theorie natürlich viel einfacher als es in der Praxis tatsächlich ist: Hier sind einige Lektionen, wie es trotzdem auch im Unternehmensalltag gelingen kann.

Jeder ist ein bisschen von allem

Erfolg beginnt damit, dass wir Anzüge mit Rollkragenpullis zusammenbringen und dafür sorgen, dass Unternehmen die Anzugsträger finden, die ein wenig kreativ sind, und die Designer, die die Leidenschaft in Business-Themen erkennen. Wetten, dass es genau solche Mitarbeiter bereits in Ihrem Unternehmen gibt? Geben Sie Ihren Mitarbeitern einen gemeinsamen Ausblick auf die Kreativität, die Sie am Arbeitsplatz erwartet, und bringen Sie emotionale Themen von außerhalb hinein. Zeigen Sie die bunte Welt von draußen auch in Ihrem Unternehmen und fördern Sie das scheinbar Gegensätzliche. So lässt sich wunderbar eine Basis für gemeinsame Experimentierfreude hergestellen.

Barrierefreie Kollaboration

Viele Unternehmen arbeiten auf Basis eines professionellen Projektmanagements, um die vielfältigen Teile zusammenzuschließen. So gibt es in fast jedem Unternehmen mindestens eine Person, die nur dafür zuständig ist, die Arbeit der anderen zu verwalten und mit den verschiedenen Rollen aus dem Marketing, der Kreativabteilung und der Strategie getrennt zu verhandeln. Es ist zwar wichtig einen Ruhepol zu haben, der für Übersetzungen bei Missverständnissen sorgt, aber die meisten sind besser daran, wenn kein Puffer für ihre Arbeit zwischen ihnen steht. Lassen Sie Ihre Mitarbeiter auf eigene Faust herausfinden, wie sie mit den anderen reden und zusammenarbeiten können.

Jeder ist eingeladen

Natürlich können Sie weiterhin Meetingmarathons mit Vorträgen  und Monologen abhalten, aber effektiver ist es, wenn jeder am Tisch eingeladen und aufgefordert wird, sich aktiv zu beteiligen. Wenn dann noch ein Kundenerlebnis oder andere Sichtweisen vorgestellt werden, ist die Chance auf ein erfolgreiches Meeting enorm gestiegen. Jeder Mitarbeiter, egal aus welcher Ebenen oder Abteilung, sollte dazu ermutigt werden, in eine bestimmte Kategorie zu denken und so zum Aufbau einer gemeinsamen Vision beizutragen. Das ist auch ein guter Grundstein für die Mitarbeiter, Bereiche, die sie vielleicht nicht so gut kennen, zu erkunden.
In Wahrheit können Sie nie wissen, wer die beste oder innovativste Idee am Tisch hat - es sei denn, Sie fragen danach.

Alle Mitarbeiter sind Teil des gemeinsamen Unternehmens

Jeder Ihrer Mitarbeiter trägt mit seinem Wissen und Können zum Funktionieren des Unternehmens bei. Dazu gehört auch, dass - unabhängig vom jeweiligen Hintergrund - die Grundannahme sein sollte, dass alle ernsthaft am Fortbestehen und Wachstum der Firma interessiert sind. Teilen Sie deswegen auch Dinge wie den monatlichen Report oder den Geschäftsbericht mit allen Mitarbeitern. Ermöglichen Sie so einen Einblick in die wahre Welt der Kundenbeziehung. In vielen Unternehmen werden die Mitarbeiter aus den "kreativen" Abteilungen eher belächelt, wenn es um solche Dinge geht. Es wird davon ausgegangen, dass diese sich nicht im mindesten für die Zahlenwelt interessieren oder sich gar damit auskennen könnten. Versuchen Sie es: Nehmen Sie einen Augenblick lang an, dass das Gegenteil der Fall ist, und lassen Sie sich überraschen, wie viele hervorragende Unternehmer mit grandiosen Ideen Sie plötzlich an einem Tisch zusammensitzen haben.

Gemeinsamer Schlachtruf

Ein gemeinsames, leidenschaftliches Ziel ist unglaublich wichtig für die Motivation. Kreieren Sie einen Schlachtruf wie z.B. „Wir sind der Fels in der Brandung“ und rufen Sie diesen sowohl Ihren Mitarbeitern als auch Ihren Kunden immer wieder ins Gedächtnis. Damit zeigen Sie, dass Sie daran glauben, was Sie gemeinsam alles erreichen können, wenn Sie alle Fähigkeiten miteinander verschmelzen und nutzen.
Ein abteilungsweiter Schlachtruf weckt auch die Geister der verschiedenen Abteilungen und entwickelt eine gemeinsame Identität. Diese Zusammenführung wiederum unterstützt den Kunden dabei, in neue Richtungen zu sehen und zwingt gleichzeitig, nicht nur nach dem „Warum“ zu fragen, sondern auch nachdem „Was wäre wenn“.

Lassen Sie die Kontrolle los

Emphatische Personen sind von Natur aus Regelbrecher. Im Grund lieben sie es, konventionelle Wege herauszufordern. Um diese Denkweise zu fördern und Explorationen zu ermöglichen, können Sie nach wie vor Ziele setzen, die auch auf herkömmliche Art gemessen werden können - Aber schaffen Sie gleichzeitig einen Raum, kreativ zu sein und neue Wege finden - auch in Fragen Unternehmensführung.

Feiern Sie den Inhalt

In Umgebungen, in den Unternehmen meistens nur großen und greifbaren Geschäftserfolgen Applaus widmen, fehlt die Freude an den kleinen Dingen. In einer Design Thinking Kultur werden die meisten Menschen dadurch motiviert, dass sie etwas Schönes geschaffen, eine Denk-Barriere aufgebrochen oder etwas Neues gelernt haben. So haben Sie viele neue Möglichkeiten noch mehr zu feiern - was den Geschäftserfolg durch neue Motivation letztlich antreibt.


Das sind nur einige Ideen, wie Sie Design Thinking in Ihre Arbeitswelt integrieren können. Das Wichtigste dabei ist und bleibt, dass Sie stets auf der Suche nach neuen und effektiven Möglichkeiten sind, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Vergessen Sie dabei nur nicht auf das Wichtigste: Die Menschen in und außerhalb des Unternehmens.