Von Ingrid Gerstbach

Die Aussagen wie „Ich bin doch nicht kreativ!“ oder „Kreativität ist etwas für Kinder“ oder wie eben jene von Gunter Dueck begegnen mir immer wieder bei meinen Workshops oder bei Vorträgen. Dass Kreativität aber für Unternehmen überlebenswichtig ist, ist vielen zum Glück bereits bewusst.

Um Innovationen hervorbringen zu können, müssen wir bereit sein, neue Dinge zu erlernen. Was uns verschwiegen wird: Wir müssen manches Mal auch bereit dazu sein, alte Verhaltensweisen zu verlernen - das ist oft die wichtigere und schwierigere Herausforderung. Wir müssen frühere Annahmen und Überzeugungen wieder loslassen. Wir müssen bereit, gewillt und in der Lage sein, dieser geistigen Trägheit zu entkommen, unsere eigene Sichtweise zu hinterfragen und Muster zu ändern. Dann ist der Weg zu bahnbrechenden Innovationen frei.

GeorgE Lands Kreativitätsstudie

George Land hat im Jahr 1968 eine Studie durchgeführt, bei der er die Kreativität von 1.600 Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren testete. Diesen Test hatte er zuvor für die NASA entwickelt, um deren Ingenieure und Wissenschaftler dabei zu unterstützen, innovativer zu werden. Da der Test und die Auswertungen damals gut geklappt haben, beschloss er, diesen bei Kindern anzuwenden. Dieselben Kinder testete er nochmals, als sie 10 Jahre alt waren und dann wiederum im Alter von 15 Jahren.

Die Ergebnisse sind erstaunlich:
Testergebnisse unter 5 Jahre alt: 98%
Testergebnisse bei 10-Jährigen: 30%
Testergebnisse bei 15-Jährigen: 12%
Gleicher Test bei 280.000 Erwachsenen: 2%

“What we have concluded, is that non-creative behavior is learned.” (George Land)

Unkreativität ist Trainingssache

Kein Wunder, denn für die meisten ist Kreativität unter einer Menge Vorschriften und Regeln begraben. In der Schule werden wir trainiert, Anweisungen folge zu leisten und damit gute Arbeit zu liefern. Das hat vielleicht in Zeiten der industriellen Revolution gepasst, wird aber heutzutage noch viel zu wenig in Frage gestellt.

Was wir also tun müssen, um (wieder) kreativ zu werden, ist die Unkreativität zu verlernen. Wir müssen unsere ausgetrampelten Wege verlassen und uns abkehren von einem mentalen Modell, dass Wissen als kumulativ ansieht. Und wir brauchen die Bereitschaft, Überzeugungen zu überdenken, oder sogar Dinge, an die wir fest glauben, aufzugeben.

Die Herausforderung etwas zu verlernen ist ganz anders als die Herausforderung etwas zu erlernen. Sie brauchen zum Verlernen keine Studien oder müssen etwas Auswendiglernen. Aber: Sie müssen bewusst und sicher eine Wahl treffen. Natürlich können wir Dinge, die wir einmal gelernt haben, nie ganz verlernen. Wenn Sie täglich für Jahre Auto gefahren sind, dann werden Sie nach 40 Jahren Autofreiem Leben gewiss vollkommen unsicher sein, aber im Grunde werden Sie wissen, wie Autofahren funktioniert.

Das, was wir aber tun können, ist bewusst zu entscheiden, gewisse Fähigkeiten nicht mehr zu anzuwenden. Wir können bewusst sagen, dass wir nicht mehr Auto fahren wollen oder nicht mehr rauchen werden etc.pp. Erst danach können Sie eine neue Fähigkeit oder ein anderes Verhalten einstudieren, es immer wieder anwenden und daraus eine neue Gewohnheit machen.

Schlüssel zur Kreativität

Kreativität ist eine Fähigkeit, die wir entwickeln, und ein Verhalten, das wir einstudieren können. Kreativität beginnt bei einem Fundament an Wissen, dem Erlernen einer Disziplin und der Beherrschung einer Art des Denkens.

Wir lernen, kreativ zu experimentieren, zu erforschen, alte Annahmen in Frage zu stellen, mit Phantasie Informationen zu bekommen.
Die meisten Bildungswege onzentrieren sich darauf, uns Antworten Schritt für Schritt in linearer Weise einzutrichtern. Das zu hinterfragen - und zwar in einer nichtlinearen Art und Weise - ist letztlich der Schlüssel zur Kreativität.

Kreativität korreliert stark mit Selbsterkenntnis: Es ist unmöglich, Vorurteile zu überwinden, wenn wir nicht wissen, dass sie überhaupt da sind.

Lernen, kreativ zu sein, ist vergleichbar mit dem Erlernen einer Sportart. Es erfordert Übung, um zuerst die richtigen Muskeln zu entwickeln und sie dann in einem unterstützendes Umfeld zu trainieren.