Von Ingrid Gerstbach

Jedes Projekt ist in einem komplexen, sozialen System mit zahlreichen Akteuren und Interessengruppen eingebettet, von denen jeder seine eigene Ziele und Interessen, aber auch Ängste und Hoffnungen hat. Diese stehen in vielfältigen Wechselbeziehungen und beeinflussen sich gegenseitig.

Definition Kraftfeld

Kurt Lewin, ein bekannter polnischer Sozialpsychologe, hat den Begriff des Kraftfeldes entwickelt. Als Kraftfeld versteht er jene Kräfte, die in jedem sozialen System auf dessen einzelne Mitglieder einwirken. Die Mitglieder des Systems reagieren ständig gegenseitig teils positiv, teils negativ auf das Handeln der anderen und üben so einen gewissen Einfluss darauf aus, ob und unter welchen Bedingungen sich die anderen Systemmitglieder wohl fühlen (durch Kopfschütteln oder Zustimmung, aber auch durch den (verbalen) Einsatz von Machtmitteln wie Weisungsbefugnissen).

Verteilung der Kräfte

Meist sind die Kräfteverhältnisse dabei sehr ungleich verteilt: Manche Mitglieder haben deutlich mehr Einfluss als andere. Das hängt nicht nur mit der Hierarchie, sondern auch mit der Persönlichkeit, sozialen Kompetenz und dem eigenen Beziehungsnetz zusammen. So gibt es in fast jeder Organisation auch "graue Eminenzen", die deutlich mehr Einfluss haben als andere. Aber auch Mehrheiten spielen eine Rolle und können Einfluss auf die Vorschläge haben.

Wann ist eine Kraftfeldanalyse sinnvoll?

Der optimale Zeitpunkt für die Erstellung einer Kraftfeldanalyse ist die Startphase, aber auch bei wichtigen Veränderungen im Umfeld oder wenn Einflüsse auf das Projekt spür- und merkbar sind, die Ursache dafür aber nicht bekannt ist.

Für die Planung und Steuerung von Prozessen und Projekten ist es sehr wichtig, das "Kraftfeld" zu verstehen, in dem sich das Vorhaben bewegt:

  • Wie viel Macht und Einfluss besitzen diejenigen, die den Anstoß gegeben haben, und mit wie viel Entschiedenheit werden sie sich dafür einsetzen?    
  • Wie einflussreich sind diejenigen, die eventuell gegen das Vorhaben sind, und wie könnte sich ihr offener oder verdeckter Widerstand zeigen?
  • Welche einflussreichen Personen nehmen derzeit (noch) eine neutrale Position ein, und wann und warum werden sie positiv oder negativ Stellung beziehen?
  • Wie sehen Netzwerke, Verbindungen und Koalitionen im Unternehmen aus?
  • Wer sind die Meinungsführer, an denen sich viele andere orientieren?
  • Welche Wechselwirkungen mit anderen Projekten gibt es oder könnte es geben?

Warum der Blick von außen

 Subjektive, erste Annahmen und Einschätzungen sind nicht immer die richtigen: Manch Vorgesetzter, der sonst viel redet, zeigt sich als erstaunlich zurückhaltend, wenn es um die konkrete Umsetzung oder die Gewinnung von Fürsprechern geht. Bestimmte Personen sind eventuell einflussreicher oder auch weniger einflussreich als ursprünglich angenommen, Seilschaften zeigen sich.

Be visual

Am besten zeichnen Sie die Kraftfeldern auf einem Flipchart auf. Dazu werden zunächst die wichtigsten Akteure horizontalen und ihr Einfluss vertikal auf einer T-Achse aufgetragen. Oft führt das allein schon zu ersten Einsichten. Mit weiteren Linien und Farben werden  Beziehungsstrukturen ergänzt. Dabei wird sowohl auf Sympathien und Seilschaften, aber auch auf Polaritäten und Spannungen geachtet.

Daraus lassen sich wichtige Schlussfolgerungen ableiten:

  • Welche Konsequenzen können wir daraus ziehen?
  • Welche Personen müssen wir für unser Vorhaben gewinnen, wer wird Widerstand zeigen?
  • Was ist nötig, um das Vorhaben durchzubringen?
  • Wie groß ist der eigene Einfluss?

Wichtig: Räumen Sie das Flipchart nach der Analyse weg - oft findet es mehr Interesse bei Zufallsbesuchern, die womöglich dabei selber namentlich erwähnt werden, als dem Urheber lieb ist.

Mission: Verbündete gewinnen

Wissen alleine reicht allerdings nicht: Die momentanen Befürworter sollten ständig über den Stand der Dinge, auch über Schwierigkeiten, informiert werden. Durch intensive Kommunikation können noch unsichere Personen in Verbündete verwandelt werden.

Die Kraftfeldanalyse ist sehr hilfreich, um verschiedene Einflüsse zu verstehen und das Umfeld aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu können. Es ist aber auch eine wirksame Entscheidungsgrundlage, um Maßnahmen zur Beeinflussung der Kraftfelder zu setzen.

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