Von Ingrid Gerstbach

Narziss, Sohn des Flussgottes Kephissos und der Leiriope, galt als ein sehr eitler junger Mann. Er verschmähte die Liebe der schönen Nymphe Echo, weil sie seiner Schönheit nicht gerecht wurde. Dafür wurde er mit einer unstillbaren Selbstliebe von der Liebesgöttin Aphrodite bestraft.

Nur ein Mythos?

Dieser Mythos aus dem antiken Griechenland prägte unsere heutige Vorstellung der übersteigerten Selbstliebe, genannt Narzissmus. Narzissten gelten in unserer Gesellschaft als arrogant, unsympathisch, selbstverherrlichend. Was viele nicht wissen: Selbst der bekannte Psychoanalytiker Sigmund Freud fand daran nichts Schlechtes, im Gegenteil: Narzissmus diene der Selbsterhaltung quasi als gesunder Mechanismus.

Eine Portion Eigenverliebtheit und Selbstvertrauen erleichtert zweifelsohne das Leben manches Mal, doch die Dosis macht das Gift. Zu viel Selbstherrlichkeit führt nicht zur geglaubten Einzigartigkeit, sondern zu Überschätzung und einem unstillbaren Bedürfnis nach Bewunderung: Kritik wird mehr als schlecht aufgenommen, wenn überhaupt, und Stimmungsschwankungen bringen die eigene Weltansicht gehörig ins Waken.

Wer? Ich?

Während Narziss im Mythos seine Qual über die unerfüllbare Liebe mit einem Dolch ein Ende setzt, fällt den meisten modernen Narzissten ihre krankhafte Selbstbezogenheit gar nicht erst auf. Zwar ecken sie immer wieder an, allerdings erst nach einer Weile. Narzissten sind Meister des ersten guten Eindrucks. Sie sind kontaktfreudig und oftmals auch beliebt. In Gruppendiskussionen zeigen sich selbstverliebte Personen als die treibende Kraft und wurden als natürliche Führer von den anderen akzeptiert.

Schwierige Teammitglieder

Eigentlich kein Wunder, dass sich viele Narzissten auf der Karriereleiter ganz oben wiederfinden: Offenheit, Selbstsicherheit, Durchsetzungskraft, aber auch Ehrgeiz sei Dank. Dass das für ein Team nicht immer einfach ist, ist irgendwie verständlich. Viele Narzissten schreiben sich selbst den Erfolg zu und können nicht das Team und die gemeinsame Arbeit dahinter sehen, geschweige denn wertschätzen. Ein weiterer Punkt ist, dass Narzissten wenig Empathiefähigkeit haben und sich nur schwer in andere hineinversetzen können.

Generation me

Eine Studie verglich Ergebnisse anderer Studien der vergangenen 20 Jahre und kam zu dem dem Ergebnis, dass die Menschen durchwegs narzisstischer werden: Fast zwei Drittel der Probanden agieren selbstbezogener als frühere Generationen. Woran das liegen mag, kann allerlei Ursachen haben. Vielleicht finden sich deswegen vermehrt mehr Narzissten in unserer heutigen Gesellschaft wieder, da die Eltern den Jugendlichen das geben, was viele selber aus ihrer eigenen Kindheit vermissen: Das Gefühl etwas Besonderes zu sein, mehr Selbstvertrauen und Selbstzuneigung.

Viele Narzissten scheinen den Weg in die Aufmerksamkeit zu suchen, um das Selbstwertgefühl zu steigern. Allerdings hat alles seine Schattenseite und so kann eine verzerrte Realitätswahrnehmung nicht unendlich lange aufrechterhalten werden. Die Folge: Depression und Einsamkeit.

Öfters sich selbst hinterfragen

Da lohnt es sich doch immer wieder die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen, sich selbst und Situationen zu reflektieren und auch mal kurz innehalten und nachzuspüren, wie andere tatsächlich auf einen reagieren.

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