Von Ingrid Gerstbach

Jeder kennt und die meisten fürchten sie: Langeweile. Doch wie in vielen Fällen gilt auch hier: Nur die Dosis macht das Gift.

Der Schüler im Klassenzimmer, der Patient im Wartezimmer oder der Autofahrer im Stau  – jeder kennt das Gefühl, dass die Uhr sich nicht weiterbewegen will. Wir wissen dann nichts mit uns anzufangen. Das frustriert und kann manchmal auch wütend machen. Selbst die griechischen Weisen beschäftigten sich bereits damit und nannten es "acedia" (nichts machen wollen, Sorglosigkeit). Der Philosoph Kierkegaard geht sogar soweit und behauptet, dass "Langeweile die Wurzel allen Übels" wäre.

Das Gefühl der Langeweile ist aber nicht nur bei den Philosophen Thema, auch die Psychologen setzen sich damit auseinander. Denn: Langeweile hat durchaus Gefahrenpotenzial in sich, wenn sie nicht richtig genutzt wird.

Die Bedürfnisse des Menschen

Die Maslowsche Pyramide hat unsere Bedürfnisse visualisiert und kurz und knapp veranschaulicht. Nach den elementaren Bedürfnissen wie Atmen, Essen und Schlafen, suchen wir nach Sicherheit und Stabilität. Sind auch diese Bedürfnisse erfüllt, wollen wir menschlichen Anschluss, Anerkennung und Wertschätzung. Das Schlusslicht bildet die Selbstverwirklichung.  Sie sehen, keine Spur von Langeweile. Denn um uns selber zu verwirklichen, müssen wir aktiv zupacken und dürfen nicht wertvolle Lebenszeit verschwenden.

Langeweile frustriert

Wer sich uninteressanten und eintönigen Arbeiten widmet, ist schnell deprimiert. Noch schlimmer wird es, wenn sich die Sinnfrage nicht klären lässt "Was zum Teufel mache ich hier eigentlich und warum?". Die Umgebung selbst wirkt belanglos, uninteressant, uninspirierend.

Im Übermaß genossen, kann Langeweile durchaus Konsequenzen haben. Im Job und im Alltag. Egal, ob es die Routine ist, die uns langweilt: ständig dieselben Handgriffe, ständig dieselbe Umgebung, dieselben Gespräche, dieselben Menschen. Oder ob jemand einfach dazu neigt ununterbrochen nach Action und Spannung zu suchen und ohne dem Adrenalinkick förmlich einzugehen dort. Auch die Quelle, der Ursprung der Langeweile ist egal. Langeweile schadet.

Eine Studie in 2011 bewies genau das: 211 Arbeitnehmer aus verschiedenen Branchen wurden gebeten einen Fragebogen zu beantworten. Das erstaunliche Ergebnis: Gelangweilte Arbeitnehmern schien der Respekt anderen gegenüber zu fehlen, sie verhielten sich vermehrt unloyal, zerstörten öfters böswillig Inventar oder nahmen die Arbeit bzw. den Arbeitgeber nicht ernst.

Im Alltag ist Langeweile aber auch durchaus tödlich: Aufgrund dieses Gefühls scheinen wir vermehrt ungesund zu leben. Wir rauchen mehr, essen über unseren Hunger, greifen zu Drogen - alles ist recht, nur um der Monotonie zu entfliehen. Das hat allerdings seinen Preis und kann zu Herzkrankheiten führen wie eine britische Studie gezeigt hat.

Kein Job ist sicher davor

Langeweile betrifft aber nicht nur jene Berufe, die sich durch Monotonie auszeichnen oder die besondere Wachsamkeit voraussetzen (wie der Pförtner beim Büroeingang). Auch in Bürojobs ist Langeweile eingekehrt. Man sollte meinen, dass das in der heutigen Zeit gar nicht möglich wäre, werden wir doch förmlich mit Mails, Anrufen, Messages gerade zu bombardiert. Doch viele dieser Sachen befriedigen unsere Sinne, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit.

Was tun gegen Langeweile?

Sie ahnen es vielleicht schon: Gegen jedes Mittel ist bereits ein Kraut gewachsen. Auch der Langeweile sind wir nicht hilflos ausgesetzt. Das beste Gegenmittel ist, seine Tätigkeit gerne zu machen. Klingt einfach, ist aber so.

Sie werden nirgends einen Job finden, der ununterbrochen spannend oder stimulierend ist. Gelegentliche Langeweile ist normal, sie macht uns sogar kreativ: Um dem eintönigen Alltag zu entfliehen, werden wir einfallsreicher oder beginnen mit Tagträumereien, die uns glücklich machen und die wiederum unsere Kreativität ankurbeln. Wir beginnen die Dinge von einer anderen Warte aus zu betrachten und können uns schneller motivieren. Aber nur, wenn Langeweile kein Dauerbegleiter ist, sondern nur ab und an in der richtigen Dosis auf unseren Geist trifft.

Der Mensch ist ein Wunderwesen und so findet er bei fast jeder Widrigkeit noch eine Lösung. Probieren Sie es einfach mal beim nächsten Anflug eines Langweil-Gähnens aus ;)

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