Von Ingrid Gerstbach

Wie schwer uns das Treffen von Entscheidungen fällt, erleben die meisten frustrienderweise Tag für Tag. Aber noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, die uns vor die Wahl stellen und gleichzeitig das Leben erschweren. Wie aber die richtige Entscheidung treffen? Ganz einfach: Indem Sie ein paar Tricks kennen, subtile Einflüsse zu entlarven und rechtzeitig darauf zu reagieren.

Die Qual der Wahl

Manchmal gleicht das Leben einem Weg voller Abzweigungen: Überall scheint es scheint schier endlose Möglichkeiten zu geben, abzubiegen. Die vermeintliche große Freiheit, nach der wir uns sehnten, macht in Wahrheit nicht glücklicher, sondern erschwert das Leben. Aber warum macht die Auswahlmöglichkeiten die Wahl zur Qual? Untersuchungen haben sich gezeigt, dass wir beim Treffen von Entscheidungen vor allem von unseren Hormonen, Tricks von gefinkelten Verkäufern, unseren Gefühlen, Glaubenssätzen und der Erziehung abhängig sind.

Der gefühlskalte Elliot

Kennen Sie Elliot? Elliot ist wohl einer der berühmtesten Patienten des Bücher schreibenden, portugiesischen Neurologen Antonio Damasio. 1982 wurde ihm ein Tumor aus dem Gehirn, ein Teil des sogenannten präfrontalen Cortex bzw. Frontallappen, chirurgisch entfernt. So klein der Tumor auch war, die Folgen waren umso dramatischer: Aus dem erfolgreichen, forschen Mann wurde ein gefühlskalter, chronischer Zögerer. Er konnte Stunden verplempern, nur indem er sich nicht zwischen einem blauen und einem schwarzen Stift entscheiden konnte. Die Auswahl des Essens? Ein Ding der Unmöglichkeit! Elliots Denkvermögen funktionierte einwandfrei, nur er konnte keine Entscheidungen mehr treffen - und war damit alltagsuntauglich geworden.
Damasio, fasziniert und angesteckt von diesem Fall, wandte sich Freunden und Bekannten Elliots zu, unterzog seinem Patienten dutzende Test und fand so die Erklärung: Elliot wurde durch diese Operation "emotional kalt gestellt". Er konnte sich schlicht und ergreifend für nichts mehr entscheiden, weil er keinen Unterschied empfand und sich alles gleich anfühlte. Damasio forschte weitere Personen mit ähnlichen Problemen aus und fand heraus, dass diejenigen, die mit dem Verlust ihres Fühlens auch ihre Fähigkeit zu entscheiden verloren hatten.

Bis zu dieser Entdeckung herrschte die Meinung, dass der Mensch vollkommen rational entscheiden würde. Im Gegenteil sogar, Gefühle würde nur dabei stören. Erst Damasio schaffte eine andere Wahrheit ans Licht: Der Verstand ist ohne dem Gefühl machtlos.

Wem mehr trauen: Kopf oder Bauch?

Die naheliegenste Lösung, das Gehirn auszuschalten und nur mehr auf unseren Bauch zu hören, ist allerdings auch nicht die Lösung. Denn: Wir lassen uns viel zu leicht von unseren unbewussten Vorurteilen, Glaubenssätzen und Ängsten leiten. Das Geheimnis besteht darin, sowohl den Bauch als auch den Kopf mitentscheiden zu lassen. Aber auch das ist nicht immer so einfach.

Wer kennt es nicht: Der Bauch verlangt nach Süßem, während der Verstand mit erhobenem Zeigefinger auf die Folgen hinweist. In solchen Fällen gibt es, Verstand und Gefühl friedlich zu vereinen, indem man beiden einen Kompromiss vorschlägt.

Entscheidungen in Stresssituationen

Der Verstand schlägt einem verschiedene Alternativen vor und der Bauch überlegt, wie sich welche anfühlen würde. Zu dieser mentalen Höchstleistung sind nur Menschen fähig - und das auch nur dann, wenn Gefühl und Verstand noch vorhanden sind. Ansonsten verirrt man sich schnell im Dickicht der verschiedensten Möglichkeiten - so wie Elliot.

Widersprechen aber Verstand uns Gefühl einander, kommt es zu einem Kräftemessen wie Daniel Kahnemann gezeigt hat: In einem Experiment wurden Probanden gebeten, sich Zahlen zu merken. Danach wurden sie an einem Buffet mit reichlich Auswahl an gesund und weniger gesunden Lebensmitteln vorbeigeschleust. Das Fazit: Je mehr die Probanden damit beschäftigt waren, sich die Ziffern zu merken, desto eher entschieden sie sich für die ungesunde Variante. Ist der Verstand abgelenkt, hat das Gefühl freie Bahn.

Auch deswegen lohnt es sich, die Wahl zu verschieben und ein berühmtes Nickerchen darüber zu machen. Die besten Entscheidungen treffen wir, laut Studien, im Schlaf. Denn Stress ist eine sehr schlechte Voraussetzung, wenn es darum geht, gute Entscheidungen zu treffen. Stress blockiert durch den Botenstoff Noradrenalin unser Denken. Menschen, die viel in Stresssituationen arbeiten müssen, wie Ärzte oder Feuerwehrmänner, bereiten sich deswegen durch Übungen auf mögliche Szenarien gezielt vor. Erst wenn eine Handlung mehr oder minder automatisch abläuft, ist sie weitgehend stressunabhängig.
Der Haken dabei: Passiert etwas, was von unseren bekannten Mustern abweicht, funktioniert das Eingeübteste nicht mehr. Deswegen hilft nur eines: Ruhe bewahren und durchatmen.

Fehlentscheidungen? Lieber nicht.

Manchen Fehler bereut einer sein ganzes Leben lang und macht sich das Leben ungemein schwer damit. Studien zeigen, dass negative Emotionen Stress auslösen und das Immunsystem schwächen. Reue kostet uns demnach einiges an Energie und somit auch an Lebenszeit. Auch deswegen ist es wichtig, dass wir uns im Umgang mit Fehlentscheidungen leichter tun und lieber analysieren und aus Fehlern lernen. Es gibt immer gute Gründe für unsere Entscheidungen, auch wenn wir sie im Nachhinein doch lieber anders getroffen hätten. Deshalb sagen einige Psychologen, dass es gar keine Fehlentscheidungen gäben.

Suchen Sie lieber nach den Umständen, die Sie zu dieser Entscheidung geführt haben! Jeder hat seine eigene Sicht auf die Welt: Wir nehmen sie so wahr, wie sie uns angenehm ist und konstruieren unser eigenes Glück: Auch wenn wir wissen, dass der spritfressende Sportwagen nicht nur teuer, sondern auch eine ökologische Zeitbombe ist, der Schnitt des Wagens überzeugt dann doch.

Und noch etwas wichtiges haben die Forscher zum Thema Entscheidungen herausgefunden: Keine Entscheidung bereuen wir mehr als die, dass wir etwas nicht getan haben.

Falls all das Denken und gute Gründe aufzählen nach einer Fehlentscheidung nicht klappt: Vergleichen Sie sich mit Menschen, denen es schlechter geht. Sie werden sehen, wie dankbar Sie dann für Ihr eigenes Glück sein werden. Im Nu scheint die Welt wieder gleich freundlicher.

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