Von Ingrid Gerstbach

Es ist nicht immer einfach konzentriert am Ball zu bleiben und sein Ziel zu verfolgen. Plötzlich ist der vorher noch so lästig erschienene Anruf doch wichtiger als an der Präsentation weiterzuarbeiten oder die Agenda aufzustellen. Im Nachhinein ärgert man sich dann über sich selbst und wünscht sich mehr Willenskraft und Selbstdisziplin. Die gute Nachricht: Selbstkontrolle ist laut einer neuesten US Studie erlernbar. Die schlechte: Auch diese Methode erfordert ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen ;)

Selbstkontrolle als Erfolgsfaktor

Kennen Sie den Marshmallow Test? Ein Team rund um den Psychologe Walter Mischel hat 24 Kinder zwischen 4 und 6 Jahren Ende der 60er Jahre folgendes Szenario gestellt: Vor einem verlockenden Marshmallow sitzend wurde ihnen erklärt, dass sie diesen sofort verzehren könnten oder - wenn sie eine Weile warten würden - mit einem zweiten belohnt werden würden. So weit, so fies. Nach dieser Erklärung verließ der Forscher den Raum und beobachtete 15 Min. lang das Verhalten der Kinder durch einen Einwegspiegel und notierte sich seine Beobachtungen.
Als Mischel seine Versuchskaninchen 13 Jahre später erneut unter die Lupe nahm, gab es erstaunliche Ergebnisse: Jene Vorschulkinder, die unter Aufwartung all ihrer Kräfte der Versuchung widerstehen und für ihr Warten die Belohnung einheimsen konnten, waren später entschlossene, in der Schule erfolgreiche Teenies, die besser mit Rückschlägen umgehen konnten. Die Ungeduldigen in dieser Studie mussten nicht nur mit dem einem Marshmallow sich zufrieden geben, sondern galten später als emotional instabiler und waren die schlechteren Schüler - die Bedeutung des IQs außen vor gelassen.

Psychologen nennen diese Eigenschaft kurz Selbstkontrolle und verstehen darunter die menschlichen Fähigkeit, sich geistig anzustrengen, Willen zu zeigen, Verlockungen zu widerstehen. Alles in allem, Fähigkeiten, die sich später auszahlen. Denn Studien haben nachgewiesen, dass Selbstkontrolle ein wichtiger Baustein für Erfolg ist...

Die Sache mit der Energie

Wieso können Menschen aber nicht rund um die Uhr selbstdisziplinert agieren? Das Problem an der Sache ist, dass diese Fähigkeit Energie als Treibstoff nutzt. Nachdem auch das Duracel-Häschen irgendwann leer ist, braucht auch der größte Geist ab und an mal eine Pause, Vorsatz hin oder her.
Wie wäre es aber, wenn es eine Methode gäbe, die uns dabei unterstützen würde, unseren Willen zu stärken und unsere Selbstkontrolle aufrechtzuerhalten? Eran Magen von der Universität von Pennsylvania behauptet quasi die Steckdose für den Dauereinsatz von Selbstkontrolle gefunden zu haben:
In einer Studie konfrontierte er und sein Team 182 Teilnehmer mit folgenden zwei Szenarien: Während der einen Gruppe angeboten wurde, entweder sofort 6$ cash auf die Hand zu bekommen oder erst nach 46 Tagen 8,50$, fragte er die andere Gruppe, ob sie lieber sofort 6$ bekommen würden und das war's oder ob sie zunächst mal nichts und nach 46 Tagen Wartezeit 8,50$ erhalten möchten.

Der Unterschied macht's

Die Warteprämie der Probanden in der Summe von 2,50$ für die erste Gruppe stand gegen die sofortige Belohnung. Im zweiten Fall wurde den Beteiligten gleich klargemacht, worauf sie verzichten würden, wenn sie sofort die Belohnung nehmen würden. Und Überraschung: Der Unterschied wirkte. Die meisten Teilnehmer in der ersten Gruppe wählten die sofortige Belohnung, während die zweite Gruppe erstaunlich viele Teilnehmer hatte, die sich für die spätere Belohnung entschieden und die lange Wartezeit in Kauf nahmen. Die Hypothese dahinter: Die Vorstellung, in 46 Tagen mit nichts nachhause zu gehen, steigert den Reiz sofort zuzuschlagen und die Belohnung gleich einzustecken.

Das Geheimnis Disziplin

In unserem Gehirn scheint es also zwei unterschiedliche Systeme zu geben, die für Belohnung und Willenskraft zuständig sind. Um diese These zu bestätigen, konfrontierte Magen wiederum etliche Versuchspersonen. Dieses Mal ging eine kurzfristige, aber kleine Belohnung in den Ring gegen eine langfristige, größere. Die Umgebung war allerdings eine andere. Waren die Probanden bei der vorherigen Studie in einer alltäglichen Situation, wurden sie dieses Mal in einem MRT liegend bei der Entscheidung gescannt. Das spannende Ergebnis: Bei der Frage nach dem Szenarium, bei dem die Teilnehmer null Dollar erhielten, reagierten bei jedem Teilnehmer andere Hirnregionen.

Was bedeutet das für die Selbstkontrolle im Alltag?

Die Studie legt also nahe: Wer seine Disziplin im Alltag stärken will, muss seine Optionen gewissermaßen umdeuten – und sich immer wieder vor Augen führen, worauf er im Falle der Disziplinlosigkeit verzichten muss. Belohnung funktioniert, nicht nur zu Studienzwecken, sondern auch im Alltag. Also versuchen Sie es doch mal und verführen Sie sich doch selbst mit einer kleinen Belohnung nach der Erledigung einer lästigen Aufgabe...

Comment