Von Ingrid Gerstbach

"Würden Sie mir den Schritt, mich selbstständig zu machen, wirklich empfehlen?" Das ist eine der häufigsten Fragen, die ich in Coachings und Beratungen mit Frauen erlebe. Meiner Erfahrung nach trauen Frauen sich seltener Unternehmen aufzubauen und brauchen meist auch länger für diesen Schritt als Männer. Wenn sie sich dann aber dazu entschlossen haben, sind sie langfristig erfolgreich.

Angst zu scheitern

Der Global Entrepreneurship Monitor zeigt auf, dass bei Frauen die Angst zu scheitern ausgeprägter ist als bei Männern. Frauen sind generell risikoaverser und haben weniger Zuversicht als ihre männlichen Kollegen. Viele zerbrechen sich monate- und jahrelang den Kopf, ob sie den Sprung in die Selbstständigkeit auch tatsächlich wagen sollen. Die Angst, den vermeintlich sicheren Job zu kündigen, um sich in eine unsichere Zukunft als Selbstständige zu wagen, ist nächtelanger Begleiter.

Laut Gründungsmonitors des KfW braucht eine Frau durchschnittlich 11 Monate, um den Schritt zu wagen, ein Mann dagegen nur acht. Frauen denken knapp eineinhalb Jahre über ihre Geschäftsidee nach, bis sie diese in Angriff nehmen.

Bei mir selber vergingen fast zwei Jahre, bis ich den Mut fasste mich in die Selbstständigkeit zu wagen und gemeinsam mit meinem Mann ein Unternehmen zu gründen. In einem sehr spitzen Segment bieten wir Unternehmen Business Analysten an, eine neue Generation an Unternehmensberatern. Den Schritt letzten Endes doch zu wagen, war der Glaube, dass wir dadurch tatsächlichen Nutzen verkaufen und so Wert für andere schaffen können. Das Risiko war es wert: Heute beschäftigen wir mehrere Mitarbeiter, vermitteln regelmäßig Business Analysten an Unternehmen und halten regelmäßig Trainings im Bereich Unternehmensberatung und Kreativität (Design Thinking) ab.

Frauen, die ein Unternehmen gründen und sich selbstständig machen, sind eine eher seltene Spezies. Nach Angaben des Gründungsmonitors haben sich noch nie mehr Frauen selbstständig gemacht als im Jahr 2013, im Vollerwerb wurde allerdings nur jedes dritte Unternehmen von einer Frau gegründet. Aber, auch das zeigt die Studie, einen Grund, sich vor der männlichen Konkurrenz zu verstecken, haben die Frauen nicht. Von Frauen gegründete Unternehmen haben dieselben Chancen erfolgreich zu sein wie Organisationen, die von Männern aus der Taufe gehoben wurden.

Vorbilder gesucht

Frauen scheinen eine Art Schattenexistenz zu führen. Es gibt kaum Gründerinnen, die als Rollenvorbild auftreten. Vielleicht ist das der Grund, warum Frauen gegenüber Männern bei der Unternehmensgründung in der Minderheit sind. Dabei lässt sich Unternehmertum mit Privatleben durchaus vereinen, wenn es teilweise nicht sogar einfacher ist als in einem Angestelltenverhältnis. Die Ausrede, das viele Frauen vermeintlich zugunsten der Familie auf ihre Selbstständigkeit verzichten, gilt also nur bedingt ;)

Die Motive

Gerade Flexibilität ist für viele Frauen ein wichtiger Grund, um sich selbstständig zu machen. Oft ist das sogar ausschlaggebend als von seiner eigenen Geschäftsidee vollkommen überzeugt zu sein.

In meiner Beratung erlebe ich oft, dass Frauen oft aus einem eigenen Bedürfnis heraus ihre Geschäftsidee entwickeln - meistens, weil sie in ihrem Alltag ein Problem entdeckt haben, dass noch nicht gelöst wurde. Männer gehen anders vor: Sie suchen bereits im Vorfeld die Märkte nach einem Trend oder nach einer gewinnbringenden Möglichkeit ab.

Der eigene Chef sein, ist für viele ein wichtiger Anreiz, ein Unternehmen aufzubauen. So auch bei mir: Mein Hauptmotiv war damals, eine erfüllende Tätigkeit zu finden, die ich in meinem Angestelltenverhältnis nicht gefunden habe.

Angst vor der gläsernen Decke

In der Beratung erfahre ich aber auch immer wieder einen anderen Grund. Experten nennen diese Befürchtung "Angst vor der gläserne Decke". Dabei geht es darum, dass viele Frauen glauben, ab einem gewissen Punkt nicht mehr vorwärts zu kommen - eben weil sie eine Frau sind. Die Angst daran gemessen zu werden, weil sie weiblich sind und nicht aufgrund der Leistung, ist ebenfalls ein häufiger Grund sich für die Selbstständigkeit zu entscheiden.

Holen Sie sich Unterstützung - ein unternehmerisches Umfeld stärkt

Ein unternehmerisches Umfeld kann beim Start sehr helfen. Ich habe mir damals eine Mentorin gesucht, die mich ständig motiviert und bei Fragen weitergeholfen hat. Sie denkt selber unternehmerisch, jettet dauernd um die Welt und führt eine glückliche Beziehung.

Auch die Gründerszene hat erkannt, wie wichtig diese Unterstützer sind. Immer wieder werden Mentorenprogramme ausgerufen, bei denen Gründerinnen anderen Gründerinnen beim Start helfen. Die Politik fördert ebenfalls das Unternehmertum von Frauen: Das Bundesministerium für Bildung und Frauen unterstützt angehende Unternehmerinnen in Österreich mit einer Gründungsberatung. Es gibt auch eine Reihe von Veranstaltungen, die Gründerinnen zusammenbringen, damit sie sich austauschen können und einander helfen wie das Business Frauen Center.

Zu der eingangs gestellten Frage, ob ich jeder Frau die Selbstständigkeit empfehlen würde, lautet meine Antwort: Es ist sicher eine Frage des Typs. Nicht jede Frau ist für die Selbstständigkeit gemacht. Aber auch nicht jeder Mann. Ausschlaggebend sollten immer Ihre persönlichen Motive sein.

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