Von Ingrid Gerstbach

Neulich las ich in einer Zeitung über die Erkenntnisse in der Hirnforschung - plötzlich fühlte ich mich wie vor dem Kopf gestoßen. Also lief in unsere heimatliche Bibliothek im Arbeitszimmer, um die unzähligen Bücher zu zählen, die über die linke und die rechte Gehirnhälfte-These berichteten. Die sollten alle mehr oder weniger Unrecht haben?! Alle dieselbe These, immer wieder durchgekaut, nie hinterfragt, einer dem anderen nachgeredet?! Wow.

Aber nach einigen Recherchen in der einen oder anderen psychologischen Studie fand ich, dass es doch stimmen dürfte und die Geschichte über die linke versus rechte Hirnhemisphäre nur ein Mythos ist, der Stoff für gute Buchverkaufe bietet: Die solide Wissenschaft unterstützt die These über die Unterschiede der linken und der rechten Gehirnhälften wohl in keinster Art und Weise.

Beispiel Sprache

Oftmals wird behauptet, die linke Hemisphäre wäre die verbale, während die rechte die Wahrnehmung kontrollieren würde. In Wirklichkeit aber tragen beide Hemisphären zu beiden Arten von Tätigkeiten bei, halt auf unterschiedliche Art und Weise.

Bekanntlich haben wir es der linken Hirnhälfte zu verdanken, dass wir die richtigen Worte in eine sinnvolle Reihenfolge setzen und nicht wie Yoda durch die Gegend laufen. Statt "Ich zwei linke Füße haben" sagen wir "Ich habe zwei Füße". Nur was trägt die rechte Gehirnhälfte dazu bei? Die rechte Seite extrahiert die implizite Bedeutung: Der Sprecher hat keine zwei linken Füße, sonst hätte er wohl arge Körperkoordinationsprobleme...

Und, obwohl es wahr ist, dass die linke Gehirnhälfte die Sprache steuert und eine wichtige Rolle für die Grammatik und unser Verständnis spielt, brauchen wir die rechte Hemisphäre, nicht nur für die implizierte Bedeutung in unserem Verständnis, sondern auch für die Erkenntnis der Bedeutung und Veränderung in der Tonalität (stellen wir eine Frage oder sind wir empört erkennen wir eher am Ton als an dem tatsächlichen Worten), für verbalen Metaphern und Humor.  Und beide Hemisphären spielen eine entscheidende Rolle für das Verständnis der allgemeinen Bedeutungen. Tatsächlich haben bildgebende Studien gezeigt, dass viele Aspekte der Sprachverarbeitung über beide Hemisphären verteilt werden.

Die Gehirnhälften als Wahrnehmungs-GPS

Ebenso das Beispiel der Wahrnehmung: Suchen Sie ein Haus, wird die linke Gehirnhälfte Ihnen dabei helfen, Türen, Fenster und Fassade als solche zu enttarnen, während die rechte Hälfte es Ihnen ermöglichen wird, das Haus überhaupt als solches zu erkennen. Viele Aspekte der Wahrnehmungsverarbeitung werden  über beide Gehirnhälften gesteuert. So hilft die linke Hemisphäre die relativen Positionen der Teile in Bezug auf die Kategorien einzuordnen (wie "das rechte Fenster an der Eingangstüre"), während die rechte Hemisphäre bestimmte Standorte mit Strecken verbindet (Bsp. der genaue Abstand zwischen Türe und Fenster).

Das Gehirn als Summe seiner Teile

Wie bei vielen Dingen zählt auch hier das Kleingedruckte: Wenn Sie nicht gerade Neurochirurg sind, ist es wohl nicht so wichtig zu verstehen, wie genau die beiden Gehirnhälften funktionieren, aber die Menschen wurden lange Zeit von sogenannten Experten in rechte versus linke Gehirnhälfte eingestuft. Links ist also nicht nur einfach verbal, analytisch, logisch und rechts nicht einfach intuitiv und emotional. Auch arbeitet nicht jeder spezialisierten Hirnbereichen für sich alleine, sondern ist immer in seiner Gesamtheit mit den anderen Bereichen zu betrachten. Die zwei Teile sind immer Teil eines gemeinsamen Systems. So wie der Computer über eine Tastatur, einen Speicher, eine Festplatte etc. verfügt und aufeinander abgestimmt sind, um bestimmte Ziele zu erreichen. Ohne Tastatur können Sie niemanden eine Mail schreiben, während sie ohne eingebauten Lautsprecher, die gerade heruntergelassene und gespeicherte Musik nicht hören können.

Genauso ist das mit unserem Hirn. Um eine Sprache zu verstehen, reicht es nicht aus, nur die Grammatik zu kennen, sondern Sie müssen auch verstehen, welche Bedeutung die Tonalität hat, was ein Wort im Zusammenhang bedeuten kann etc.

Unser Hirn ist also kein isoliertes System, bei dem die einzelnen Teile miteinander konkurrieren oder in einer Art Krieg stehen, sondern ein einziges, wunderbares, faszinierendes System, bei dem jeder Teil wie ein Rädchen sorgt, dass das ganze System funktioniert. Faszination Mensch.

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