Von Ingrid Gerstbach

In vielen Charakterbeschreibungen ist zumindest an zweiter Stelle oftmals das Wort "kreativ" zu finden. Aber was zeichnet kreative Menschen aus? Mihaly Csikszentmihalyi ist dieser Frage in einem Artikel nachgegangen und hat aus einer Fülle an Material und Daten letztlich eine Eigenschaft herausgefiltert, die alle eint: Widersprüchlich. Wer kreativ ist, ist gegensätzlich und zumeist komplex veranlagt. Dass das kein Widerspruch ist, zeigt Csikszentmihalyi in folgenden Punkten.

  • Kreative arbeiten viele Stunden durchgehend und konzentriert mit viel Energie. Aber genauso wie sie Euphorie und Energie brauchen und versprühen, genauso suchen sie die Ruhe und brauchen enorm viel Schlaf. Dadurch können sie ihre Kräfte gut einteilen und tanken in der Pause/Schlaf leere Batterien wieder auf.
     
  • Kreative sind smart, aber auch naiv. 1921 zeigte Lewis Termin in einer Studie, dass Kinder mit einem überdurchschnittlich hohen IQ auch später gut zurecht kamen - das bedeutet allerdings nicht, dass sie auch erfolgreich(er) im späteren Leben waren. Nach Csikszentmihalyi ist ein höhere IQ wahrscheinlich notwendig, um gegenteilig bzw. widersprüchlich zu denken, was wiederum der Kreativität zu gute kommt. Allerdings ist der Umkehrschluss, höhere Intelligenz bedeutet automatisch kreativer zu sein, nicht zwangsläufig richtig.
     
  • Kreative sind spielerisch als auch diszipliniert veranlagt. So wie sie sich in eine Sache verbeißen und daran zerren können, stellen sie sich lieber die Frage, warum etwas nicht funktionieren sollte und fördern so ihr Denken.
     
  • Kreative springen zwischen Fantasie und Realität. Innovation setzt Vorstellungskraft voraus. Fehlt aber der Blick in die Realität, bleibt die Vorstellung eine reine Fantasie und die Umsetzung wird unmöglich. Kreative Menschen müssen also schnell erkennen, wann etwas realistisch ist und wann nicht.
     
  • Kreative sind intro- aber auch extravertiert. Ein kreativer Mensch braucht die Zeit mit anderen, um Ideen zu spinnen, sich inspirieren zu lassen, auszuprobieren. Aber genauso ist Rückzug wichtig, um die Gedanken zu sortieren und konzentriert zu arbeiten.
     
  • Kreative sind sowohl stolze als auch bescheidene Personen. Auch wenn es verlockend nahe liegt, aber die Annahme, dass jemand, der bekannt oder erfolgreich ist, per se zur Arroganz und Hochmut neigt, stimmt so nicht. Kreative Menschen neigen dazu, den Zufall als Faktor miteinzurechnen und der Portion Glück Platz zu geben. Dennoch sind sie auf ihre Ideen und Erfindungen (zu recht) stolz und zeigen das auch gerne mal im Außen.
     
  • Kreative entsprechen nicht dem klassischen Geschlechterrollenbild. Studien zeigen, dass kreative Männer eher sensibler und weniger aggressiv als andere Gleichaltrige sind, während kreative Mädchen dominanter und taffer als andere sind. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass kreative Menschen nicht nur die Stärken ihres eigenen Geschlechts, sondern auch die des anderen in sich vereinen.
     
  • Kreative sind konservative Rebellen. Nur wer sich aus einer gegebenen Kultur, Normen und Sitten heraus entwickelt,  kann Innovationen erarbeiten und Bewegung schaffen. Traditionell zu leben und zu handeln, ohne Stilbruch, würde nicht funktionieren, denn nur aus dem Andersmachen entsteht Neues. Rebellion ohne Bezug zu etwas Gegebenem ergibt andererseits keinen Sinn. Menschen, die glauben, es reicht einfach nur anders zu sein, sind nicht kreativ, sondern wollen meist um jeden Preis auffallen. Der Wunsch nach Verbesserung als Impuls schafft den Boden für kreative Lösungen.
     
  • Kreative sind leidenschaftliche Menschen, die ihre eigenen Handlungen aber objektiv hinterfragen. Stellt sich der Erfolg einer Sache nicht sofort ein, verliert der Kreative schnell die Lust daran und gibt auf. Der selbstkritische Blick auf das eigene Handeln verankert den Kreativen mit dem Boden.
     
  • Kreative sind offen für Neues, aber auch sensibel, wenn es um die eigene Kunst geht. Denken Sie an bekannte Regisseure: Sie scheinen regelrecht körperliche Schmerzen zu leiden, wenn sie eine in ihren Augen schlechte Aufführung sehen. Andererseits sind sie neugierig, offen für neue Nuancen und hungern nach Impulsen.

Was sagen Sie zu Csikszentmihalyis Charakterbeschreibung eines Kreativen? Erkennen Sie manches in sich wieder? Oder verzichten Sie ab nun darauf, sich kreativ zu nennen?

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