Von Ingrid Gerstbach

Im Jänner hat Jo Diercks zu einer wirklich spannenden Blogparade in seinem lesenswerten Blog Recruitanment aufgerufen, die neue Hilfestellungen zum Thema Berufsorientierung für Jung und Alt geben soll. Diesen Ruf habe auch ich im fernen Wien vernommen und gleich meinen Beitrag dazu geschrieben...

Das Thema Berufsorientierung ist  Wir leben in einem Zeitalter, in dem fast alles möglich zu sein scheint. Immer wieder erleben wir durch die Medien, welche Möglichkeiten an Ausbildungswegen und Karrierechancen überhaupt existieren - eine schier nie endenwollende Inspirationsquelle, die aber vollkommen überfordert. Die Suche nach dem geeigneten Job oder nach Möglichkeiten sich zu orientieren, scheint Fluch und Segen zugleich zu sein: ausgemalt in den buntesten Farben, aber wenig greif- bzw. erlebbar.

Eine Möglichkeit, mit der ich in meinen Coachings immer wieder zu tun habe, ist das sogenannte Job Shadowing. Menschen bekommen die Möglichkeit, eine Zeit lang in die Rolle eines anderen zu schlüpfen und am eigenen Körper zu erleben, was er oder sie in der möglichen zukünftigen Arbeit tatsächlich erleben wird können. Shadowing hilft zu erkennen, wie das theoretisch erlernte Wissen aus Fachbüchern, von der Schule oder der Universität, im Alltag ausgeführt und in der realen Welt übersetzt wird.

Job Shadowing eignet sich für alle Alters- und Karrierestufen: Junge Studenten, die gerade beginnen, ihre Karriere zu planen, profitieren genauso davon wie etablierte Arbeitssuchende, die eine Änderung in ihrem Berufsleben in Erwägung ziehen. Sind Sie sich beispielsweise nicht sicher, ob ein Jobwechsel wirklich die erhoffte Erfüllung ermöglicht oder die Aufstiegschancen in einem anderen Unternehmen wie Sirenen verlockend rufen, gibt Job Shadowing einen ersten Vorgeschmack von dem, was dort tatsächlich erwartet werden kann. Durch die Erfahrung eines Arbeitsplatzes aus erster Hand, können Sie sehr viel mehr über Karriere lernen, als Sie es durch das Internet oder Printpublikation jemals könnten.

Aber auch über Unternehmen selbst lässt sich so viel erfahren: Wenn Sie z.B. schon wissen, wie Ihre Karriere aussehen soll, aber Sie sich noch nicht für ein Unternehmen entschieden haben, könnte das Ziel eines Job Shadowings sein, Insiderinformationen zu erhalten: Möchten Sie lieber eine lässige dot.com-Atmosphäre mit ultracoolem Kleidungsstil und regelmäßige Stuhlmassagen? Oder haben Sie Lust auf eine Unternehmenswelt, in der Platz für Mahagoni-Möbel ist und Anzüge und Krawatten Pflicht sind?

Job Shadowing kann in verschiedenen Lebensphasen eintreten:
* In der Schule, um die berufliche Laufbahn zu bestimmen.
* Nachdem Sie bereits Ihre Karriere gestartet haben, aber sich vielleicht neu orientieren wollen.
* Wenn Sie bereits wissen, wie es weitergehen soll, aber sich nicht sicher sind, in welches Unternehmen.

Job-Shadowing kann man sich als ein erweitertes Informationsinterview vorstellen: Ein solches Infogespräch dauert in der Regel etwa eine halbe Stunde, Job-Shadowing kann von ein paar Stunden bis zu einer Woche oder mehr gehen, je nachdem, was Sie sich vereinbaren.
 Während Ihrer Job-Shadowig Erfahrung folgen Sie dem gewählten Berufsbild durch seine oder ihre Arbeit. Sie beobachten die Strapazen der Arbeit, die Unternehmenskultur und können viele Fragen stellen.
    
Ein Job -Shadowing Erfahrung kann aber auch die Folge eines Informationsgespräch sein. Sie könnten etwa nach einem solchen Interview fragen, ob es möglich wäre, dass Sie ein wenig länger als die geplante Zeit für das Interview dableiben und zusehen, wie der Arbeitsprozess im Unternehmen abläuft. Oder Sie erklären der Interviewperson, dass Sie extrem daran interessiert sind, die Arbeit und vor allem die Atmosphäre in der Firma kennenzulernen.

Aber wen sollten Sie "beschatten"? Idealerweise natürlich jemanden, der auf die Arbeit, die Sie später selber ausführen wollen, bereits tätigt. Für Studenten ist die beste Besetzung vielleicht jemand, der den gleichen Studienschwerpunkt gewählt hat.
     
Sobald Sie jemanden gefunden haben, dem Sie als Schatten folgen möchten, schreiben Sie eine Mail mit Ihrer Bitte und wie Sie sich die Beobachtung genau vorstellen. Rufen Sie dann nach einer Woche an und versuchen Sie ein Datum zu vereinbaren. Vergessen Sie aber dabei nicht, dass die Person, die Sie beobachten wollen, zunächst einen engen Terminkalender haben wird und außerdem sich bei dem Gedanken, dass jemand ihn oder sie einen ganz Tag genau unter die Lupe nimmt, nicht unbedingt zu Wohlgefühlen führen wird. Deswegen: Seien Sie hartnäckig, aber auch flexibel und vor allem dankbar.
      
Um am meisten von Ihrem Job-Shadowing zu profitieren, empfehle ich Ihnen, dass Sie gewisse Dinge beachten:
* Kleiden Sie sich für die Zeit so, wie Sie es zumindest bei einem Vorstellungsgespräch tun würden oder wie es in diesem Unternehmen üblich zu sein scheint.
* Kommen Sie rechtzeitig und seien Sie höflich und neugierig.
* Haben Sie auch keine Angst Fragen zu stellen, aber bombardieren Sie andererseits den- oder diejenige nicht.
* Nehmen Sie einen Notizblock mit, um Ihre Beobachtungen gleich zu erfassen.
* Beobachten Sie alles: Erkunden Sie, welche Must-Have-Tools in dem Unternehmen verwendet werden, welche Kenntnisse die Menschen dort haben, wie sie kommunizieren. Werden viele Mails verschickt oder treffen sich alle in der Kaffeeküche?
* Seien Sie wachsam, ob die Mitarbeiter dort einen glücklichen oder einen gestressten Eindruck auf Sie machen. Gehen die Mitarbeiter am Abend noch gemeinsam weg oder wird um 17h pünktlichst das Büro geschlossen und jeder zählt die Minuten bis dorthin?

Wenn Sie Ihre Beobachtung durchführen, achten Sie aber darauf, dass Sie den normalen Arbeitsalltag nicht stören, sondern die Menschen ihrer Arbeit wie gewohnt nachgehen können.

Hat Ihnen die Beobachtung gefallen und Sie können sich gut vorstellen in diesem Beruf zu arbeiten, dann fragen Sie Ihre Ansprechperson nach Möglichkeiten. Auch wenn gerade keine Position in diesem Unternehmen frei ist, vielleicht kennt er oder sie eine andere Organisation mit Vakanzen? Fragen Sie auch, ob Sie in Kontakt bleiben können.
Bei einem späteren Anschreiben erzählen Sie von Ihren Beobachtungserfahrungen und warum Sie genau auf diese Position passen. Arbeitssuchende, die Unternehmenswissen demonstrieren, haben fast immer einen Vorteil! Erklären Sie in Ihrem Anschreiben, wie Sie ein Problem, das Sie beobachtet haben, lösen könnten oder welche Gedanken Ihnen dazu eingefallen sind. Achten Sie darauf, dass Sie mit einem positiven Eindruck schließen, denn sonst könnte das einen gegenteiligen Effekt haben.

Job Shadowing eröffnet vollkommen neue Möglichkeiten Berufe kennenzulernen und theoretisches Wissen zu überprüfen. Für mich hat es sich ausgezahlt, denn so habe ich, nach langem Suchen und mühsamen Ausprobieren, meinen Weg zum Traumberuf gefunden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Glück und alles Gute für Ihre Karriere!

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