Von Ingrid Gerstbach

Gestern Abend ist es wieder passiert: Ich sitze mit meinem Vater an einem Tisch und bespreche etwas, als das Telefon läutet. Gleichzeitig höre ich ein mir bekanntes und unliebsames Geräusch aus der Küche: Das kochende Wasser hat den Topf verlassen… Während ich also mit dem Telefon in der Schulter eingeklemmt in die Küche laufe, höre ich meinen Vater weiterreden, beim Telefonat weiß ich auch nach 10 sek. noch nicht, wer eigentlich am andere Ende dran ist. Fazit: Mein Vater ist beleidigt, weil ich ihm nicht zuhöre, mein Gesprächspartner hat aufgelegt (und mit unbekannter Nummer angerufen) und die Küche sieht aus wie, naja, eh schon wissen…

Es ist in aller Munde und kaum jemand, der nicht stolz darauf verweist, wie gut er oder sie nicht darin ist: Multitasking. Diese Fähigkeit wird vor allem Frauen nachgesagt, Männer haben den großen Vorteil, dass sie von diesem Mythos nicht betroffen, sondern sogar meistens explizit ausgenommen sind.
Wenn ich das Wort “Multitasking” höre, dann schießt mir folgendes Bild in den Kopf: Eine Frau, die ein Baby im Arm hält, telefoniert, gleichzeitig die Türe mit dem Fuß aufkickt und dem anderen Kind sagt, dass sie sieht, was es gerade macht 


Multitasking = Zeitersparnis?

Wir befinden uns in einer so schnelllebigen Zeit, dass die Verlockung nahe liegt, alle Dinge auf einmal zu machen, damit wieder mehr Zeit für anderes vorhanden ist. Wie ein Jongleur nehmen wir immer eine Tätigkeit mehr um die anderen auf, während die andere aus der Luft rasant schnell auf uns zuschießt. Anstatt der erhofften Zeitersparnis führt es dazu, dass meistens alle Bälle gleichzeitig am Boden landen.

Multitasking hat in unserer Gesellschaft einen sehr positiven Klang. Bei der Personalsuche wird schon fast darauf geachtet, ob jemand ein Multitasker ist oder nicht. Oft nehme ich auch in einem Gespräch wahr, wie stolz die Leute auf ihre Multitasking-Fähigkeiten sind und dass sie ohne diesen ihren Alltag nicht so managen könnten. Es wirkt fast wie eine Art Auszeichnung.

Oft bedeutet Multitasking einfach mehr Aufwand

Dabei scheinen die wenigsten die Gefahr, die im Multitasking steckt, zu erkennen: Jedes Mal, wenn ich von einer Aufgabe zur nächsten springe, verliere ich die Konzentration auf die ursprüngliche Sache und ich brauche viel Zeit, um mich wieder in den Ursprungszustand hineinzufinden. Zeit, die ich eigentlich dafür aufbringen könnte, die Aufgabe erfolgreich zu lösen.

Aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist sicher keine einfache Aufgabe oder etwas, das von heute auf morgen passieren wird. Aber dennoch gibt es ein paar Kniffe, um den Multitaskingwahn zumindest ein wenig Einhalt zu gebieten.

Zeit blocken

Die tägliche Arbeit ist oft komplex und es reicht nicht aus, wenn Sie sich schnell hier und da mal 20 min. frei schaufeln, um Mails zu sortieren, Gesprächsnotizen durchzugehen oder sich auf ein Meeting vorzubereiten. Kaum sind Sie bei den ersten wichtigen Infos angelangt, klopft der nächste an der Türe und erwartet sofortige Unterstützung mittels Ihrer Problemlösungsqualitäten.<br>Um solche Unterbrechungen bereits im Vorfeld zu meiden, blocken Sie sich in Ihrem Kalender ein paar Stunden pro Monat, in der Sie konzentriert und effizient an einem Projekt arbeiten, eine Sitzung vorzubereiten oder Ihre Ablage zu sortieren. Dazu gehört auch, dass Sie während dieser Zeit Ihre Mails abdrehen, das Handy auf lautlos schalten und in Skype oder Lync angeben, in einer Besprechung zu sein.

Bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit bei einer Sache

Wenn Sie in einem Meeting sind, dann seien Sie zu 100 Prozent nur in diesem Meeting! Wenn Sie gerade mit jemanden diskutieren, dann diskutieren Sie genau dann nur mit dieser Person. Wenn Sie eine Mail verfassen, dann verfassen Sie gerade nur diese Mail. Was ich damit sagen will: Es ist oft schwer Gedanken an mögliche, nächste Schritte zu widerstehen. Versuchen Sie aber dennoch einmal, Ihre volle Aufmerksamkeit auf die eine Tätigkeit, die Sie gerade ausüben, zu fokussieren! Das wirkt Wunder und neben der effizienten Arbeitsweise, nimmt es auch den Druck und Stress, weil Sie sehen werden, wie viel weitergeht!

Wir alle wollen im Grunde unsere Arbeit mehr als zufriedenstellend erledigen und noch produktiver handeln. Aber Multitasking ist nicht der richtige Weg, sondern nur eine Verlockung, der es zu widerstehen gilt.

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