Von Ingrid Gerstbach

Der Mensch trifft in etwa 20.000 Entscheidungen pro Tag. Das beginnt bereits früh morgendlich mit Fragen wie: Liegen bleiben oder aufstehen? Eine zweite Tasse Kaffee oder doch noch versuchen den Bus 10 min. früher zu erwischen? Gerade in Situationen, in denen wir unter Zeitdruck stehen, müssen wir oft blitzschnell Entscheidungen treffen, ohne es wirklich zu wollen.

Jedes Für hat sein Wider

Mit jeder Entscheidung für etwas treffen wir gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas und schließen damit etliche Alternativen aus. Entscheiden Sie sich zum Beispiel für den Vortrag, können Sie doch nicht den freien Abend mit Ihrem Partner im Kino verbringen. Oder Sie entscheiden sich beim Mittagessen gegen das Schnitzel und für den Nudelsalat.
Das Dumme dabei ist, dass wir Menschen dazu neigen, dem mit der Entscheidung verbunden Verlust hinterherzutrauern, als uns unserer Wahl zu erfreuen. Und aus dieser Angst heraus treffen wir dann manches Mal Entscheidungen, die kurzfristig eine Belohnung versprechen, langfristig aber sogar schaden könnten. Als sei das nicht schon schlimm genug, reden wir uns ein, dass die Entscheidung die beste war, die wir treffen konnten - und belügen uns dabei manches Mal selber. Denn ob eine Entscheidung richtig oder falsch war, stellt sich oft erst im Nachhinein heraus.

Was ist also in Bezug auf Entscheidungen die beste Grundlage?

Rationale Entscheidungen kosten viel Energie: Wir brauchen dafür Zeit, Aufmerksamkeit und Konzentration. Bei der emotionalen Bewertung wiederum treffen wir blitzschnell die Entscheidung. Nachteil: Wir stellen sie öfters in Frage, weil die Greifbarkeit für dieses Argument dann fehlt.

Der Ausgeglichene, der Selbstausbeuter, der Schnellentscheider oder der Zerrissene?

Um in kritischen Situationen sowohl schnell als auch richtig entscheiden zu können, ist es gut, sich selber einschätzen zu können und zu wissen, in welche Kategorie der Entscheidungstypen man fällt. Mit diesem Wissen können Sie gezielt an Ihrem Verhaltensmuster arbeiten und in Zukunft weisere Entscheidungen treffen. In zahlreichen Studien hat die Psychologin Maja Storch letztlich vier Entscheidungstypen ausgemacht. Zu welchem Typ zählen Sie sich?

Der Ausgeglichene

Dieser Entscheidungstyp trifft aufgrund seiner Erfahrungen, seiner Ratio und seiner Emotionen Entscheidungen. Verstand und Gefühl werden miteinander verbunden mit dem Ergebnis, dass sich die Entscheidung richtig anfühlt. Ist das nicht der Fall, sucht der Ausgeglichene so lange nach dem Grund, warum die Entscheidung ihm so Unbehagen bereitet, bis Kopf und Bauch wieder versöhnt und im Einklang miteinander sind. Er ist quasi der Idealzustand eines Entscheiders.

Der Selbstausbeuter

Nichts geht gegen Leistung - auch wenn dafür der Preis Erschöpfungszustände sein könnten, denn Aufgaben zu delegieren zählt nicht zu seinen Stärken. Work-Life Balance ist für den Selbstausbeuter eine von diesen neumodischen Erfindungen. Und: Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben.  Dieser Entscheidungstyp lässt das Gefühl außen vor und trifft ausschließlich aus rationalen Gründen seine Entscheidungen. Das führt mitunter dazu, dass er sich schwer tut zwischen eigenen und fremden Zielen zu unterscheiden.

Strategien für den Selbstausbeuter
Menschen, die sich zu diesem Entscheidungstypen zählen, sollten lernen, ihr Bauchgefühl wieder wahrzunehmen. Dazu reicht es schon, im Alltag kurz innezuhalten und sich bewusst zu werden, welche Gefühle gerade in einem vorgehen: Was hat dieser Satz der Kollegin in mir bewirkt? Wie fühle ich mich, dass ich unvorbereitet die Kundenpräsentation übernehmen soll? Freude, Ärger, Angst? Bin ich verspannt, habe ich einen Kloß im Hals oder freue ich mich sogar?
Durch das Hinterfragen der eigenen Gefühle, lernt dieser Typ die Intuition auch bei seinen Entscheidungen einzusetzen.

Der Schnellentscheider

Aufgrund fehlender Praxis bleibt gerade der jüngeren Generation oftmals keine andere Wahl, als bei Entscheidungen spontan zu reagieren und den Bauch entscheiden zu lassen. Mit Schnelligkeit wollen sie fehlende Praxiserfahrung wettmachen. Aber auch ältere Semester zählen zu den Schnellentscheidern: Sie reagieren oft impulsiv, sind zwar schnell von etwas begeistert, lehnen aber genauso schnell auch alles ab. Sie hören auf ihren Instinkt, wirken aber oft ungeduldig.

Strategien für den Schnellentscheider
Der Schnellentscheider muss lernen den Verstand stärker bei Entscheidungen miteinzubeziehen und sich Zeit zu lassen. Lernen kann er das, indem er vor einer Entscheidung andere Personen um deren Meinung bittet und diese dann nach rationalen Aspekten bewertet. So bekommt er rationale Argumente, schafft aber dadurch auch die nötige Distanz zur Entscheidung.

Der Zerrissene

Der Zerrissene zieht ähnlich dem Selbstausbeuter bei der Entscheidungsfindung sowohl den Verstand als auch die Intuition mit ein. Der Unterschied zwischen den beiden ist allerdings, dass der Zerrissene sich seiner Emotion bewusst ist, ihr aber nicht traut. Haben Bauch und Kopf also unterschiedliche Meinung, führt das zu einer inneren Spaltung und damit leichter zu Fehlentscheidungen.

Strategien für den Zerrissenen
Dem Zerrissenen ist bewusst, dass er seine Emotionen versucht zu unterdrücken, damit der Verstand gewinnen kann. Um sein Bauchgefühl ernst nehmen zu können, kann er eine Art Feedback-Schleife anwenden: Diese dient der Aussöhnung des Verstandes mit dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis. Dazu kann er bewusst für sich und mit Hilfe des Feedbacks anderer seine letzten Entscheidungen analysieren und bewerten.

Mehr als 4 Typen in der Praxis

Diese vier Typen sind nur eine grobe Einteilung. Viele von Ihnen kennen sicher auch den Zauderer (Ja, aber), den Perfektionisten, der alles aufschiebt, weil keine Entscheidung je perfekt ist, everybodys darling (everybodys Depp) oder auch den Blender, der immer anderen etwas deutlich macht und das Notwendige tun will. Die Liste liesse sich schier endlos fortsetzen.

Eigene Strategie als Erfolgsgeheimnis

Nicht alle Strategien sind auch effektiv, geschweige denn effizient. Sich mit der eigenen Entscheidungsfindung auseinander zu setzen, indem man beobachtet, wie die eigene Strategie abläuft, kann die Basis sein, Entscheidungen zu optimieren.
Analysieren Sie dazu Ihr eigenes Denken und Fühlen in verschiedenen Stationen: Erinnern Sie sich, wie es bis jetzt war (Input), entwicklen Sie ein Zukunftsbild und überprüfen Sie, ob es sich stimmig anfühlt. Machen Sie das solange bis Gefühl und Verstand zustimmen. Gerade bei wichtigen Entscheidungen gilt: Geben Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.

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